Serbien IV: Bis nach Bulgarien

25.-29.05.2016

Bevor dieser Bericht am Ende wieder zu einem Loblied für Serbien und das Radreisen im Allgemeinen wird, wollen wir auch mal die schlechteren Tage auf der Straße beschreiben. Wie immer, wenn wir nach einer längeren Pause eine Stadt verlassen, fällt es uns schwer wieder in den Tritt zu kommen, nach Belgrad ist es besonders schlimm. Vielleicht liegt es daran, dass wir gestern wieder die letzten Gäste waren und uns der Kellner bei Rakija eine Einweisung in das serbische Fluchen geben wollte. Geflucht wird hier wirklich auf das Derbste und das Fluchen ist genauso Teil der serbischen Mentalität wie der schwarze Humor: Beim Fahrradladen in Belgrad (der das Tretlager ausgetauscht hat) meinte der Fahrradmechaniker erst zu uns: „Sorry – jetzt haben wir es völlig kaputt gekriegt – da geht nichts mehr“, uns bleibt der Atem weg. „Ach ne, nur Spaß“. Diese Situation ist wirklich typisch für den lokalen Humor – aber zurück zu den schlechten Tagen auf dem Rad: die Ausfahrt aus Belgrad ist bekanntermaßen nicht die schönste, als wir dann noch die Abfahrt verpassen und auf der Schnellstraße landen, wirds echt stressig. Das Wetter war zwar ok aber grau und trist, wie die Industrievorstädte rund um Belgrad. Wir haben die ersten Tage auch einfach schlechte Beine – wie man als Radfahrer sagt („Shut Up Legs“). Das am ersten Tag geplante Etappenziel verfehlen wir, weil es anfängt zu Hageln. Das hat aber auch sein Gutes. Wären wir weiter gefahren, hätten wir sowohl eine Menge serbische Gastfreundlichkeit (und tolle Zucchini-Burger) verpasst, als auch die Fähre, die für unsere geplante Route unabdingbar ist und nur alle drei Stunden fährt (von der wir aber nichts wussten – ihr seht, wir sind eher mäßig vorbereitet). Stattdessen verbringen wir eine geruhsame Nacht im Dunavski Plićak Guest House nach spannenden Gesprächen mit der Hausherrin – besser kann eine Radlerunterkunft gar nicht sein 😉 Wir kommen auch auf unseren Aufenthalt in Belgrad zu sprechen und wie gut uns die Restaurants gefallen haben (Ihr erinnert euch an den super Laden, der von außen so unscheinbar aussah?). Für die Geschichte müssen wir etwas ausholen: Ben aus Belgien ist mit dem Rad nach Indien gefahren und kam beim Dunavski Plicak Guest House vorbei. Auf dem Weg hat er sich mit essbaren Wildpflanzen beschäftigt, daraus ist dieses Projekt entstanden: Forest to Plate. In diesem Rahmen enstanden auch eine Reihe von Videos, die Serbien zeigen, wie wir es schätzen gelernt haben: Youtube Video Hier gibt es sowohl das Restaurant zu sehen, als auch die Gegend unserer Route. Wir wollen gar nicht so viel darüber labern, aber wir hoffen, ihr bekommt richtig Appetit auf Serbien 😉

Das Radeln läuft danach allerdings immer noch nicht so richtig gut, wir kommen trotzdem halbwegs voran und es wird wärmer – richtig warm sogar, ein Vorgeschmack auf die Wüste ;). Grandiose Etappen erleben wir dann im Djerdap Nationalpark, dem Eisernen Tor. Da dieser Abschnitt nicht geplant war, hatten wir keine Vorstellung, was uns erwartet. Stellt euch sanfte Pässe vor, die trotzdem zu langen Abfahrten verhelfen, auf perfekten Straßen, ohne Verkehr, bei mediterranem Ambiente. Perfekt! Fast hätten wir das Highlight des Nationalparks verpasst, Decebalus Rex, die in den Berg gemeißelte Statue des letzten Königs der Daker, einfach weil wir so mit den 10% Steigung beschäftigt waren. Im Djerdap gabs auch einiges an Tierchen am Wegesrand. Was hier an Schlangen, Eidechsen und Schildkröten rumläuft ist unglaublich, alles raschelt und bewegt sich, nur die wenigsten kriegen wir vor die Linse:

Völlig durchgeschwitzt kommen wir in Negotin, der letzten serbischen Stadt vor der Grenze an. Wir brauchen eine Dusche und schauen im GPS nach einer Unterkunft. Wir werden gefragt, ob wir Hilfe brauchen und ob wir nicht Lust hätten, kurz nen kühles Bierchen zu trinken. Das sollte der Beginn von etwas Großartigem werden. Unser Gastgeber arbeitet in Österreich und kann perfekt Deutsch, als wir nun vor dem Haus im Garten saßen und ein Bierchen tranken (bei Einem sollte es nicht bleiben) wurde begonnen, aufzutischen und aus einem Bier wurden vier Stunden serbische Gastlichkeit, die einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen haben. Am Abend wurden wir noch zur Unterkunft geleitet und telefonisch angemeldet. Jetzt sitzen wir in einem klimatisierten Zimmer mit TV, spannen aus, berichten für euch und füllen die Flasche selbstgebrannten Rakija, die wir auch noch geschenkt bekommen haben, in Plasteflasche um – damit werden wir noch viel Spass haben 😀 Danke und Hvala.

In Negotin werden übrigens gerade die Abiturienten gefeiert. Die ganze Nacht ist Party mit traditioneller Musik und jungen Menschen, die in Abendgardrobe die Promenade auf und ab marschieren.

Hier noch unsere übliche Galerie, wir machen natürlich noch viel mehr Bilder (Besten Dank an dieser Stelle an unseren Cloud-Master Gary fürs Archivieren), die gibt es dann zu sehen, wenn wir wieder zu Hause sind. Das vermissen wir jetzt zum ersten Mal. Wurden wir bisher gefragt, ob uns etwas fehlt: „Nö, eigentlich nicht.“ Wenn wir jetzt an trostloseren Etappen auf dem Rad sitzen und Lieder von Dritte Wahl und Mutabor singen, vermissen wir euch alle – diese Woche sind wir immerhin zwei Monate unterwegs. Wir sind aber auch voller Vorfreude, von Bulgarien ist es nur noch ein Katzensprung nach Istanbul, einem Meilenstein unserer Tour.

Etappen:

Belgrad – Kovin: 80,7 km

Kovin – Golubac (Toma Camp): 104,5 km

Golubac – Tekija: 84,1 km

Tekija – Negotin: 83,4 km

Bis denne und macht was draus,

Toni und Daniel

2 Responses to “Serbien IV: Bis nach Bulgarien

  • „Eeeeeeeeeees gibt keine liebe auf dieser welt, es ist ein traum, der uns gefällt.
    Es gibt nur lüge, gier und hass.
    Und gekühltes bier vom fass.“

    haha ich stell mir die blicke der einheimischen vor: zwei verrückte auf velos die auch noch singen^^

    • Daniel & Toni
      3 Jahren ago

      Wir haben uns angewöhnt erst umzuschauen bevor wir rumalbern – klappt nicht immer. Ich mag, dass du velo sagst.

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