Türkei IV: Raus aus Istanbul – am schwarzen Meer entlang

18.06.-24.06.2016

Servus Leute,

wir sind jetzt seit 2,5 Tagen in einem Teacher`s Home (Ögretmenevi), einer Mischung aus einfachem Hotel und Jugendherberge, die vom türkischen Bildungsministerium für durchreisendes Lehrpersonal unterhalten wird (die Dinger gibts in jeder größeren Stadt und sind ein gute, preiswerte Alternative zu Zelt oder Hotel).

Die letzten Tage haben wir kurze Pausen oder Fährzeiten genutzt, um kleine Berichte auf unseren Smartphones festzuhalten. Deshalb gibt es heute mal ein paar ungefilterte Eindrücke der letzten Tage (ein paar Passagen sind auch von Toni):

18.06.2016

Wir sitzen auf der Fähre raus aus Istanbul. Wie immer fällt uns das weiterfahren schwer. Dieses mal besonders, weil wir in der Stadt so viele nette Radler kennengelert haben. Außerdem haben wir jetzt anspruchsvollere Länder (Georgien, Aserbaidschan…) vor uns, wir haben natürlich viel gelesen, aber man weiß vorher nie wie die Versorgung ist, wie die Straßen sind oder die Leute drauf sind. Alles ist etwas ungewiss – der Reiz des Unbekannten. Trotzdem oder gerade deshalb zieht es uns auf die Straße. Eine Woche Istanbul ist genug. Auch wenn wir die Pause nötig hatten. Die Bosporusfähre ist problemlos mit dem Fahrrad zu benutzen, wir fahren damit so weit wie möglich aus der Stadt raus und dann auf der asiatischen Seite weiter.


19.06.2016

Gestern war der mit Abstand schlechteste Tag bisher. Es ist nicht Schlimmes passiert. Aber die Navigation durch die Stadt war zum verzweifeln. Die Sonne knallte mit 40 Grad auf Anstiege, die wir teilweise nicht mal schiebend überwinden konnten. Nur um dann zu merken, dass es ober nicht weiter geht. Wir hatten dermaßen die Schnauze voll, dass es reizvoll erschien, einfach in ein Flugzeug zu steigen und bspw. nach Thailand zu fliegen (so wie es ein Radreisender derzeit im Kino vormacht). Wir wollten nur noch weg. Nach 12h unterwegs, mit 37 km (+Fähre) auf der Uhr, nehmen wir uns ein Zimmer und versuchen den Rest unseres 10. Jahrestages zu genießen. Wir haben Kopfschmerzen von der Hitze.

Heute morgen war es genau so schwer weiterzufahren. Wie zu erwarten lief es immer besser im Verlauf des Tages. Wir haben wieder viele nervige Anstiege zu bewältigen, dieses mal werden wir aber mit atemberaubenden Aussichten belohnt, anstelle stickiger Häuserschluchten. Wir haben viel Zeit darüber nachzudenken, was uns gestern alles so zu schaffen gemacht hat. Ein Punkt ist sicherlich, dass wir Istanbul zuwenig Zeit gegeben haben.  Ursprünglich war der Plan viel länger in der Sadt zu bleiben, uns fehlt also einfach noch etwas Ruhe, dies werden wir bei Gelegenheit nachholen. Immerhin sind wir am Meer. Gerade sitzen wir in einem Straßenimbiss. Trotz unseres Wunsches: „ohne Fleisch“ („etsiz“), der scheinbar auch verstanden wurde, ist Salami auf der Fertigpizza – müssen wir halt runtersuchen, trotzdem nicht so geil. Meist essen wir Melemen, türkisches Rührei mit viel Tomaten und Paprika oder Gözleme, herzhafte Pfannkuchen. In Istanbul kann man sogar gut ganz ohne tierische Produkte auskommen.

20.06.2016

Zelt in den Dünen – Wildcampen wie im Bilderbuch. Heute wurde es besser, was nicht zuletzt an der türkischen Gastfreundschaft liegt.  Zuerst begegnet uns Sharif in einem kleinen Laden, er spricht deutsch und fragt uns woher wir kommen, wohin wir wollen. Sharif, Scheriff genannt von seinem deutschen Lehrer, schwätzt schwäbisch und hat lange Jahre in Stuttgart gelebt. Seit ein paar Jahren ist er zurück und mittlerweile Ortsvorsteher. Wir unterhalten uns lange auf einer Hollywoodschaukel vor dem Laden seiner Schwester. Falls wir ein Problem haben, sollen wir uns bei ihm melden, meint er. Zum Abschied schenkt er uns eine frische Honigmelone, die sind hier zum niederknien. Im selben Ort noch begegnet uns dann noch ein Wiener, ein junger Mann, der als Kassierer in einem anderen Laden arbeitet und alles über unsere Reiseroute wissen will. Minuten später fahren wir an einem Haus vorbei, aus dem uns ein Junge schreiend hinterherläuft. Wir stoppen und sind etwas perplex, als der Junge uns frisch gepflückte Birnen in die Hand drückt und wieder zurückrennt. Wir sind also versorgt 😀 Abends kommen wir dann an einer langen Düne vorbei, die sich zum Wildzelten nur so anbietet. Wir schieben die Räder durch den Sand, stellen unser Zelt auf und schlafen beim Klang der Brandung ein. Das gute am Wildcamping ist, dass wir dabei immer sehr früh loskommen, so sind wir schon um halb 8 auf der Straße, waschen uns und die Räder an der nächsten Quelle und kaufen Wasser an der Tanke, wo uns ein ehemaliger Gastarbeiter der ersten Stunde aus Düsseldorf mit seinen Sprüchen und rheinischer Fröhlichkeit erheitert.

Für abends sind wir mit Berk in Eregli verabredet, unser erster Warmshowers Host. Wir sind etwas früher da als geplant und kaufen noch Rotwein und Bier ein, was den Abend dann zu einem besonders lustigen Erlebnis werden lässt. Mit Berk reden wir über Gott und die Welt, Politik und türkische Kultur. Es ist so gut, einmal all die Fragen stellen zu können, die man schon die ganze Fahrt über im Kopf hat und auch sein Türkisch bei einem Muttersprachler zu testen und zu verbessern. Nachdem wir mit ihm noch kurzerhand sein neues Ikea-Bett aufbauen, gehen wir alle sehr spät schlafen und sorgen fast dafür, dass Berk am nächsten Morgen zu spät zur Arbeit kommt.

Der Tag darauf ist hart, es geht nur bergauf, stundenlang bei knallender Sonne und mit wenig Schlaf. Nach 10 km beschließen wir, dass wir im nächsten großen Ort halten und uns eine Unterkunft für einen Pausentag suchen. Daniel hat mittlerweile wohl einen Sonnenstich, er schläft während einer Eisteepause ein und ist total fertig. Ein Mann (aus Esslingen stellt sich später heraus) fragt uns an der Straße, wo wir hinwollen. Wir suchen ein Hotel, meinen wir. Er macht ein paar Anrufe, erfragt Preise für uns und gibt uns danach eine genaue Wegbeschreibung zum nächsten Ögretmenevi.

24.6.2016 – Jetzt

Morgen soll es weiter gehen und uns gehts super – endlich. Ich glaube wirklich, dass ich einen leichten Sonnenstich hatte. Nach dem Barbierbesuch in Istanbul ist der Nacken ausrasiert – vorher schützte die dicke Matte vor der Sonne. Die ganze Kopfhaut war rot und trotz 50+ Sonnencreme hatten wir auch an den Armen und im Gesicht Sonnenbrand. Ich war nicht mehr in der Lage weiterzufahren und Toni ging es nicht viel besser (vorallem am Berg). Wir sind in den letzten Tagen wirklich an körperliche und mentale Grenzen gekommen, einfach weil wir es übertrieben haben. Übertrieben, weil wir nicht mal ein Stündchen Pause in der Mittagshitze machen können (eigentlich steht man früh auf, macht dann mittags Pause und fährt nachmittags noch ein Stückchen), ohne uns selbst zu stressen und übertrieben weil wir uns zu wenig Ruhetage gegönnt haben. Seit Budapest haben wir kaum entspannt, auch die Zeit in Belgrad und Istanbul war eher von Vorbereitung als von Entspannung geprägt – wir müssen also lernen, besser auf unseren Körper zu hören.

Um die türkischen Gastfreundlichkeit und die wunderschöne Natur wieder richtig genießen und wertschätzen zu können, brauchten wir also erst mal eine kurze Auszeit. Die 2,5 Tage haben wir unsere Unterkunft außer zum Einkaufen praktisch nicht verlassen. Wir verbringen viel Zeit mit Lesen (Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“ aus den 50ern ist wirklich der Knaller und Tilmanns Australienbericht lässt uns über eine Erweiterung unserer Route nachdenken) und nach dieser kleinen Auszeit ist sie wieder da, die Reiselust. Wir freuen uns wieder total auf das, was kommt und können es gar nicht erwarten morgen weiter zu fahren.

Dazu passt, dass ich im Moment weiter von zu Hause weg bin als jemals zuvor (die perfekte Herr der Ringe-Analogie), bei Toni dauert es noch bis Neuseeland, da sie schon in Thailand und China war.

 

Etappen:

Istanbul – Polonezköy: 38 km

Polonezköy – Agva: 77 km

Agva – Camitepe (Wildcamp): 73 km

Campitepe – Eregli: 109 km

Eregli – Zonguldak: 48 km

3 Responses to “Türkei IV: Raus aus Istanbul – am schwarzen Meer entlang

  • Hab mir schön so was gedacht. Vielleicht wäre es besser, ein paar Kilometer weiter ins Landes innere abzubiegen. An der Küste sind bis kurz vor Trabzon lt. Hörensagen einige Anstiege dein. Teils steil.

  • Ihr Lieben,
    bald habt ihr die Türkei hinter euch, leider aber nicht die Berge! Weiterhin viel Spaß und Kraft in den Beinen! Ich habe mich herzlich über euer Interview amüsiert 😉
    Grüße aus warmen Berlin an die heiße Heimat und an euch

    • Daniel & Toni
      3 Jahren ago

      Merci, es läuft viel besser mittlerweile, die Küstenstraße belohnt unsere Anstrengungen mit grandiosen Aussichten. Die Türkei war auf jeden Fall super für unsere Kondition, auch weil das Bier so teuer ist 😉 Ab Sinop soll die Straße weniger hügelig werden. Gestern haben wir uns echt über ein paar Wolken gefreut. LG Toni + Daniel

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