Georgien III: The heat is on in Tbilisi

15.07.2016-21.07.2016


„We love Tbilisi“ – Wer hätte das gedacht, und das trotz der krassen Temperaturen? Am Anfang waren wir skeptisch gegenüber Georgien im Allgemeinen und Tbilisi im Speziellen. Georgien entwickelt sich für uns immer mehr zu einem zweiten Serbien (ich weiß, das klingt irgendwie komisch). In Georgien geht was. Ein Land mit bewegter Geschichte und alter Kultur, das in vieler Hinsicht europäischer ist als viele europäische Länder. Die klare Orientierung Richtung Europa fällt uns im Nationalmusuem auf, das sehr empfehlenswert ist. In einer Ausstellung wird die Zeit unter russischer Herrschaft thematisiert, alles sehr anschaulich und packend. Für uns wird das ganze umso intensiver, weil wir am Vorabend in unser Hostelbar einige Biere mit Soldaten killen, die 2008 gegen Russland gekämpft haben. Sieht man am nächsten Tag Videoaufzeichnungen im Rahmen dieser bedrückenden Ausstellung, läuft einem mehr als ein Schauer den Rücken hinunter. Die Hostelbar sollte in den nächsten Tagen noch mehrmals der Ausgangspunkt für nette Anekdoten sein. Das Red Wall Hostel ist erst seit einer Woche geöffnet – wir gehören zu den ersten Gästen, entsprechend viel Zeit nehmen sich unsere Gastgeber (ein Verwandter unseres Hosts ist der Ex-Boyfriend von Emma Watson – das sorgt für Unterhaltung 😉 – Wie klein die Welt doch ist!). Unser Hostel:

Tiflis ist wirklich eine schöne Stadt, etwas morbider Charme, gepaart mit Aufbruchsstimmung. Orthodoxe Religiosität (statt Muezzin hört man hier den Priester, der mit Lautsprechern auch außerhalb der Kirche zu hören ist) gepaart mit russischer Vodkaseligkeit.

Wahrzeichen der Stadt ist die „Mother Georgia“ – eine Statue auf dem Festungsberg, die in der einen Hand ein Schwert zur Abwehr ihrer Feinde hält, in der anderen Hand ein Glas Wein zur Begrüßung ihrer Gäste. Eine Charakterisierung der georgischen Mentalität, die wir ganz passend finden.


Wir sind erstaunt, wie viel Auswahl wir beim vegetarischen Essen haben. Selbst die großen Fastfoodketten haben vegetarische Alternativen, weil die orthodoxen Christen mittwochs und freitags kein Fleisch essen. Zum ersten Mal auf dieser Tour gibt es in der Karte mehrere genuin vegetarische Gerichte, zu wirklich fairen Preisen – wir bestellen die Karte rauf und runter. Es gibt Auberginen gefüllt mit Wallnusspaste und Granatapfelkernen, Maisbrötchen mit Spinatcreme, gefüllte Pilze, Käsebällchen, Khachapuri, gefüllte Teigtaschen, Kartoffeln in diversen Formen und dazu die traditionelle Pflaumensoße. Typisch georgisch ist es außerdem, dass jeder am Tisch einen leeren Teller und Besteck bekommt und jedes bestellte Gericht geteilt wird. Ich weiß nicht, ob wir je wieder das völlig geschmacksneutrale Gemüse genießen können, das es in deutschen Supermärkten zu kaufen gibt. Hier riechen und schmecken die Tomaten wirklich wie Tomaten und bestehen nicht nur aus Wasser. Schon seit Serbien ist uns aufgefallen, dass Tomaten immer größer und Gurken immer kleiner sind als im deutschen Supermarkt – dem Geschmack schadet es jedenfalls nicht.

Unser Aufenthalt in Tbilisi steht ganz im Zeichen der Visabesorgung. Das Iranvisum haben wir bereits in der Tasche, die ganze Prozedur lief eigentlich ziemlich problemlos, war aber trotzdem anstrengend. Um das Geld für das Visum zu bezahlen, mussten wir erst ein Konto in Georgien eröffnen (wir haben ja schon berichtet, dass die Georgier solche Dinge sehr genau nehmen) – insgesamt hatten wir mit einem halben Dutzend Bankangestellten zu tun, bis alles lief. Wir hatten aber nur zwei Stunden Zeit, das heißt wir mussten das Taxi nehmen (ein Red Bull ist hier teurer als eine Taxifahrt). Nach vier Tagen Wartezeit hieß es: „Welcome to Iran“. Nachdem wir den Pass mit unserem ersten Visum in den Händen halten, gehts wieder ab ins Taxi und schnell zur Botschaft Aserbaidschans. Auch hier lief alles glatt, nach zwanzig Minuten hatten wir das Formular ausgefüllt – es ging mit dem Taxi zur aserbaidschanischen Bank zum bezahlen (nur 35€ pro Person, uns wurde oft von >100€ berichtet) und mit dem Taxi zurück – jetzt heißt es 4-5 Tage warten und Daumen drücken. Die meisten Radler zieht es nach Armenien, es ist günstig, visafrei und landschaftlich reizvoll. Aserbaidschan, das „Land des Feuers“ hat es uns allerdings angetan. Die ganze Ästhetik der Botschaft, der Nationalbank, des Passes usw. bestätigen uns in dem Wunsch, dieses fremde und trotzdem verhältnismäßig zugängliche Land zu bereisen. Zwischenzeitlich waren wir unsicher, ob Armenien nicht doch die bessere Wahl ist. In Tbilisi besuchen wir neben der Synagoge, der Trinity-Kathedrale der orthodoxen Christen und der Moschee auch einen zoroastrischen Feuertempel (Der Religionsstifter Zarathrusta war auch Inspiration für Nietzsches philophisches Werk „Also sprach Zarathustra“). Diese alte Religion stammt aus dem Iran und auch in Aserbaidschan gibt es einige Feuertempel, unter anderem dort, wo Erdgas austritt und für entsprechendes Feuer sorgt – schon in der Antike war Aserbaidschan Lieferant für „griechisches Feuer“, den Game of Thrones-Freunden unter euch auch als Seefeuer bekannt. Die Feuersymbolik spiegelt sich auch in der typischen Ästethik des Landes. Hoffen wir, dass das (auch von den Temperaturen her sehr heiße) Land des Feuers sich auch für uns öffnet.

Heute ist unser 111. Tag auf Tour, das feiern wir in der Hostelbar. Gestern hatten wir dabei Gesellschaft von einer großen Gruppe junger Israelis, für die Georgien ein beliebtes Reiseland ist, um nach oder vor dem Militärdienst nochmal richtig einen drauf zu machen. Am Abend davor konnten wir unser Türkisch bei einem der wenigen anderen Hostelgäste auffrischen, zu unserer Gruppe gesellte sich neben einem Türken dann auch ein Englischlehrer aus dem Iran, der gerade angekommen war. Wir stellten den Rest von unserem Lokum (Turkish Delight) auf den Tisch, jeder brachte, was er teilen konnte und wir hatten ein spannendes Nachtmahl. Der Iraner machte für alle frischen Safrantee, eine Spezialität seiner Heimatregion, verfeinert mit Kardamom. Wir lernen, wie man diesen köstlichen Tee richtig genießt und bekommen einen Vorgeschmack auf die unter Reisenden legendäre Gastfreundschaft der Iraner. Wie Bilbo an seinem 111. Geburtstag zieht es uns wieder auf die Straße und wir brennen darauf, unsere Reise fortzusetzen.

Macht was draus,

T+D

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