Aserbaidschan I: Wilkommen im Land des goldenen Lächelns

29.07.2016-30.07.2016

Seitdem wir von Bulgarien über die türkische Grenze gefahren sind, sind in jedem Land die Unterschiede nach dem Grenzüberg sehr deutlich. So auch dieses Mal, als sich für uns das Tor Richtung Aserbaidschan öffnet. Die Landschaft sieht unglaublich gepflegt aus und viel grüner als man von Aserbaidschan erwarten würde, das heiße Klima ist aber spürbar (obwohl es aufgrund der Bewölkung durchaus angenehm war), sodass es sich anfühlt, als würde man durch eine Oase fahren. Die ersten Menschen grüßen uns noch wenig überschwenglich, dies sollte sich hin zu wahren Begrüßungskomitees am Straßenrand steigern, mit Gruppen von Kindern, die uns hinterherlaufen. Die Begrüßung wird meist von einem Lächeln begleitet, bei dem es golden aus dem Mundwinkel blitzt. Der Grund dafür wird uns während der ersten Cay-Einladung deutlich: während man in der Türkei 2-3 Stück Zucker in das bauchige kleine Glas tut, nimmt man hier das Zuckerstück in den Mund und schlürft ein wenig Tee oder tunkt den Zucker in das Getränk und isst ihn dann, damit ist die maximale Anzahl an Würfelzucker pro Tee nach oben offen.

Teeeinladungen gibt es am laufenden Band. Als wir unter einem Baum unser Mittag vorbereiten (es gibt Brot mit Olivenöl und ungarischem Paprikapulver) hält ein Wagen und der Fahrer fragt uns, ob wir nicht etwas trinken wollen, er wohne nur 200 m von hier. Klar, sind wir dabei. Aus der Teeeinladung wird eine Einladung zum Mittagessen und wir verbringen die nächsten 2,5 Stunden bei einer unglaublich gastfreundlichen aserbaidschanischen Familie. Mehr und mehr Dorfbewohner kommen vorbei, um einen Blick auf uns zu erhaschen und wir zeigen ausgedruckte Fotos und Bilder auf unserer Kamera. Wir befürchteten langsam, dass wir gleich den berühmten Hammeleintopf, das Nationalgericht serviert bekommen. Stattdessen gab es zum Glück Gemüseeintopf und wir wurden so reichhaltig bewirtet, dass wir fast zu voll waren um weiter zu fahren.

Der Verkehr auf den Straßen ist sehr zügig, aber zum ersten Mal seit Österreich wieder passiv uns gegenüber, es wird weder gehupt (außer zum Grüßen) noch gedrängelt, sondern wir werden vorgelassen – wahrscheinlich um in Ruhe gucken zu können – in jedem Ort sind wir die Attraktion und werden hemmungslos begafft. Die Autos sind zum größten Teil alte Ladas (80%) und fette SUVs amerikanischer oder japanischer Produktion (20% – das Verhältnis sollte sich umkehren, je weiter man Richtung Hauptstadt kommt). Freunde kastenförmiger Autos kommen also voll auf ihre Kosten, insbesondere weil die meisten Ladas super in Schuss sind und das Chrom auf Hochglanz poliert ist. Auch die Farbvielfalt ist ziemlich groß und reicht von türkis bis violett, welches echt scharf aussieht.

Aserbaidschan gilt als teures Reiseland, dies stimmte auch bis zur letzten Abwertung des Manat als Folge des Verfalls des Ölpreises – für uns herrscht hier praktisch bulgarisches Preisniveau, sodass wir es uns gut gehen lassen können. In der ersten Stadt registrieren wir uns bei der Ausländerpolizei – ein völlig unspektakuläres Verfahren, das nötig ist, wenn man mehr als 10 Tage im Land bleiben will. Da die Grenzüberquerung länger dauerte als erwartet, entscheiden wir uns für ein Motel im ersten Grenzort, das zu einer Tankstelle gehört. Die Tankstellen sind immer unglaublich gepflegt (wie der Rest des Landes), es arbeiten immer mindestens 20 Leute in Uniform an jeder Tanke und die Vorgärten sind so sehr mit Buchsbaumkunst geschmückt, dass es geradezu herrschaftlich aussieht (Unser liebster Gärtner Grobi hätte wahrscheinlich seine Freude).

Die Dächer der Häuser bestehen oft aus Aluminium und sind reichhaltig verziert. Wir haben ja schonmal erwähnt, dass uns die Ästhetik sehr gefällt. Uns ist bewusst, dass gerade bei den öffentlichen Gebäuden aber vieles nur Fassade ist. Wir kommen uns zum ersten Mal auf der Reise wirklich weit weg von Zuhause vor und das im besten Sinne. Zwar macht uns die Gastfreundlichkeit der Aserbaidschaner vieles einfacher, trotzdem ist hier vieles auch anders, da sind Wässerbüffel neben der Straße, die Granatapfelbäume und die wüstenähnliche Landschaft. Bei allen Ländern zuvor hatten wir immer im Hinterkopf, dass es bald in das nächste Land geht. Aserbaidschan ist für uns kein Transitland mehr, der Weg ist mittlerweile wirklich das Ziel und wir sind angekommen auf der Reise. Landschaften wie diese (das wird im nächsten Beitrag noch deutlicher) sind wir noch nie gefahren und die Gastfreundschaft beeindruckt uns zutiefst. Aserbaidschan ist das erste Land auf Tour, vor dem wir in den Nachbarländern nicht ausdrücklich gewarnt wurden, es gab nur positive Reaktionen. Und das Beste: hier gibt es keine Minions (in Baku sollte das gelbe Grauen dann wieder auftauchen), selbst im kleinsten Nest der serbischen oder türkischen Provinz gab es Minions, sie verfolgten uns seit dem ersten Tag 😉

Seki (Schäki  ausgesprochen) sollte unser Etappenziel werden, als wir am Abend die stark ansteigende Einfahrt in die Stadt in Angriff nehmen. Kurz hinter dem Ortseingang ist ein großes Restaurant, es parken viele Autos und Gruppen von Männern stehend rauchend vor dem Gebäude. Wir fragen, ob es hier auch Zimmer gibt, was zunächst verneint wird. Wir bleiben trotzdem stehen und wollen noch nicht aufgeben. Irgendwann wird klar, dass wir kein russisch sprechen (wie die meisten Touristen hier) und es wird nach jemandem gesucht, der des Englischen mächtig ist. Zufällig ist diese Person die Schwester der Braut, die gerade hier ihre Hochzeit feiert (eigentlich ist es nur die Verlobung, das merken wir erst, als Braut und Bräutigam getrennt voneinander das Hotel verlassen – die Feier war bereits so pompös, dass sie auch als Hochzeit hätte durchgehen können. Unser running gag in Aserbaidschan ist, dass die deutschen Frauen nur einen Ring brauchen, während in Aserbaidschan die Bräute goldene Ringe an jedem Finger haben). Wir werden sofort eingeladen und sitzen, nachdem wir uns kurz frisch gemacht haben (zum Glück hatte ich noch eine lange Hose für den Iran und ein sauberes Shirt dabei) am Ehrentisch mit bedeutenden aserbaidschanischen Schauspielern und Literaten und einem Kameramann, der mit uns Vodka auf die deutsch-aserbaidschanische Freundschaft trinkt. Als Ehrengäste, die mit Fahrrad aus Deutschland kommen, müssen wir natürlich eine Rede halten (die sofort übersetzt wird), wir stellen eine Analogie zwischen unserer Radreise und der Reise des Lebens im Allgemeinen her und ernten Applaus für unsere erradelten Kilometer. Dass wir länger zusammen leben, als wir verheiratet sind, erntet allerdings etwas Kopfschütteln. Die meisten Gäste sagen ein paar Worte, dann folgt eine kleine Tanzeinlage und wieder die nächste Rede – d.h. wir müssen auch tanzen. Anstelle der traditionellen Musik läuft bei uns Techno und wir beschränken unser Tänzchen auf das Nötigste, bevor es zurück zum Vodka und dem reichhaltig gedeckten Tisch geht. Wir fühlen uns etwas unwohl, weil wir kein Gastgeschenk dabei haben – aber da war doch noch die Flasche Rotwein, die wir eigentlich für unser Wiedersehen mit Kathi und Flo aufheben wollten. Unser Geschenk kommt super an. Kurz nach 12 ist das ganze Spektakel dann aber wieder vorbei und wir gehen, mitgenommen vom Vodka, zurück auf unser Zimmer. Das Hotel ist gehobener Standard, die Dusche hat 12 Brauseköpfe und wir genießen unser Frühstück am nächsten Morgen in einem Pavillion im Wüstengarten.

 

Wir bekommen einen tiefen Eindblick in die aserbaidschanische Kultur und können uns an diesem Abend gar nicht genug für die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft bedanken, dieser Tag war einer der besten unserer bisherigen Tour und wir sind glücklich und dankbar, so reisen zu können wie wir es tun.

Etappen:

Balaken – Seki: 95 km

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