Georgien V: Bis nach Aserbaidschan

Passend zum Abschied regnet es, als wir Tbilisi verlassen – so sitzen wir noch kurz im Hostel und warten bis der stärkste Niederschlag aufhört. Unser Gastgeber quält sich aus dem Bett und spielt noch einen Abschiedssong, bevor es für uns auf die Straße geht. Auch wird uns eine Flasche Rotwein als Wegzehrung gereicht (diese soll im nächsten Bericht noch eine Rolle spielen).

Es war also mal wieder ein richtiger Abschied für uns, nach unserer bisher längsten Pause war das Hostel ein Basislager für uns und Tbilisi temporäre Heimat – wir verlassen die Stadt, die uns so ans Herz gewachsen ist, über verkehrsreiche Straßen, die aber schnell einsamer werden. Trotzdem sind die  gut ausgebauten Straßen auch immer stark befahren, wir versuchen mehrmals auf Nebenstraßen auszuweichen, nur um dann festzustellen,dass diese nach wenigen Kilometern zur Piste werden und wir auf der Hauptstraße deutlich besser vorankommen – wir wollen schnell weiter, mit Aserbaidschan lockt das nächste Land nach nur zwei Tagen radeln.

Am Abend des ersten Tages sitzen wir vor einem kleinen Supermarkt bei Eistee und Cola, als ein Wagen anhält und wir in perfektem Englisch nach dem Woher und Wohin gefragt werden – man hätte uns schon während der Hinfahrt gesehen und wäre von unserer Leistung beeindruckt. Auf die Frage, wo wir heute schlafen, hatten wir keine Antwort – wir wollten mal wieder im Zelt schlafen und hatten uns auf ein Wildcamp eingestellt. Stattdessen sollen wir doch lieber in ihr Guesthouse kommen, es gäbe selbstgemachten Wein und uns wurde ein lustiger Abend versprochen. Wer könnte einer solchen Aussicht widerstehen, besonders wenn der genannte Preis für ein Privatzimmer sehr fair klingt (30 GEL = 12€)? Also nehmen wir die 40 km in Angriff, die uns noch von dieser Verheißung trennen, 80 hatten wir an diesem Tag schon geradelt und die letzten Anstiege sollten sehr knackig werden. Wir hatten ein winziges Dorf erwartet und sahen uns schon als einzige Gäste. Signaghi war allerdings ein touristisches Zentrum. Die Stadt liegt auf einer Bergspitze und ist voll von Gasthäusern. Unsere Wahl war aber goldrichtig. Völlig fertig kamen wir nach 120 km bei Lado und Nato an und es gab Abendbrot aufs Haus (Obst und vegetarisch ohne zu Fragen). Der Chacha wurde in Saftgläsern serviert, die bis zum Rand gefüllt waren und der Wein wurde soweiso immer nachgeschenkt – unsere Gastgeber haben nicht umsonst die besten Bewertungen bei Tripadvisor für ganz Georgien (Nato & Lado). Der Abend klingt in einem Restaurant aus, das wir mit einem Briten, der gerade mit dem Faltrad aus Aserbaidschan kommt und zwei jungen Israelis besuchen. Ein perfekter Abschied von diesem so gastfreundlichen Land, dessen Menschen einen tiefen Eindruck bei uns hinterlassen. Die georgische Mentalität lässt sich gut mit „Why not?“ beschreiben. Diesen Satz hören wir täglich und auch ein berühmtes Hostel in Tbilisi trägt diesen Namen. Insbesondere wenn wir überlegen ob wir noch einen Wein oder Bier trinken sollten, gilt bei den Georgiern: Why not?


Nach einem langen Frühstück mit Unmengen Wassermelone und Pfirsichen geht es die erkletterten Höhenmeter vom Vortag wieder hinab, sodass wir die Grenze zügig erreichen. Die türkische Grenze war ja bereits richtig gesichert und auch als Grenze zu erkennen, dieses Mal stehen wir allerdings wirklich vor einem Hochsicherheitskomplex.  Nach der Durchquerung des Niemandslandes stehen wir vor den Toren Aserbaidschans. Der Name des Landes steht wie in den Hollywood Hills oben am Berg über der Grenze. Die jungen Soldaten tragen nicht ihre Namen auf der Uniform sondern ihre Blutgruppe und sehen ziemlich einschüchternd aus. Nachdem wir zur eigentlichen Grenze vorgelassen werden, entspannt sich die Stimmung. „Visa: yes – Problem: no“ heißt es vom Grenzer. Wie immer seit der Türkei zieht meine Schildkrötenhupe die Menschen magisch an. Will man zehn Aserbaidschaner gleichzeitig zum Lachen bringen, zeigt man auf die Hupe und hupt dann ordentlich. Egal ob Bosporusfähre oder eben hier an der Grenze, alle feiern die Schildi ab. Unser gesamtes Gepäck wird sehr gewissenhaft geröngt, alle Taschen müssen abgenommen und aufs Band gehievt werden. Die Stimmung ist freundlich, trotzdem machen wir uns Sorgen, dass die Flasche Rotwein zum Problem werden könnte – war aber nicht mal einen Kommentar wert. Viel spannender finden die jungen Soldaten Tonis Piercing.
Nach viel Hin und Her haben wir den Einreisestempel im Pass und das schwere Eisentor öffnet sich gen Aserbaidschan. Was uns alles in diesem Land erwartet, das uns zum ersten Mal das Gefühl gibt wirklich weit weg von zu Hause zu sein (im besten Sinne) erfahrt ihr in der nächsten Folge von „Tonis und Daniels Radabenteuer“.


Macht was draus. T+D

 

Etappen:

Tbilisi – Sighnaghi: 122 km

Sighnaghi – Balaken: 82 km

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