Aserbaidschan III: One day in Azerbaijan

06.08.-08.08.2016

Vielleicht habt ihr es gemerkt: wir sind noch einen Tag länger in Baku geblieben als geplant, das lag daran, dass wir noch mehr planen und recherchieren mussten. Unser Plan war nach dem Iran durch Turkmenistan nach Usbekistan zu fahren. Turkmenistan wird oft auch als das Nordkorea Zentralasiens beschrieben (von Peking kann man relativ einfach nach Nordkorea reisen und bekommt leichter ein Visum als für Turkmenistan) und wir würden maximal ein Transitvisum bekommen, das uns die Durchfahrt in 5 Tagen durch die Wüste (im heißesten Monat August, bei ca. 100km täglich) ermöglicht. Seit längerem werden die Transitvisa ohne Begründung abgelehnt. Wir hatten gehofft, dass sich die Situation nach dem Ramadan ändert, dies scheint aber nicht der Fall zu sein. Das Problem ist, dass man um ein Transitvisum beantragen zu können, das Visum für das Nachbarland (also Usbekistan) schon im Pass haben muss. Wird unser Antrag abgelehnt, wäre das Visum umsonst, weil es keine sinnvollen Flüge nach Usbekistan gibt (eine Möglichkeit wär nach Aktau, Kasachtan zu fliegen was >1000 km Umweg bedeutet und uns in zeitliche Bedrängnis bringt), in eine Stadt auf unsere Route zu fliegen geht nur für viel Geld und über Riesenumwege (bspw. über Moskau in 30h). Erschwerend kommt hinzu, dass wir relativ lange auf das Visum warten müssen. Ihr seht: Alles nicht so einfach. Wir müssen auch eingestehen, dass wir relativ spät dran sind und die Möglichkeit besteht, dass wir um den Winter im Hochgebirge zu vermeiden sowieso schummeln müssen.

Derzeit ist unser Plan B (der immer mehr zu Plan A wird) von Teheran nah Almaty in Kasachstan zu fliegen. Dies hätte den Vorteil, dass wir zur perfekten Zeit in einem der landschaftlich reizvollsten Länder Zentralasiens (Kirgistan) sind und uns viel Geld (die Flüge kosten etwa soviel wie die Visa) und Nerven sparen, für uns hätte dies allerdings einen ziemlichen Beigeschmack. Bisher sind wir jeden Kilometer gefahren und würden dies gern auch weiterhin tun. Selbst wenn jetzt einige Radler ein Visum für Turkmenistan bekommen sollten, heißt das nicht, dass wir auch dürfen (vielleicht ist dann die Quote schon erfüllt) – wir müssen überlegen ob wir dieses Glücksspiel eingehen. Unsere Abwägungen sprechen dagegen – unser Dickkopf dafür. Falls jemand gute Vorschläge hat, her damit. Wir sind auf jeden Fall wieder aus Baku losgefahren und Toni beschreibt jetzt einen der besten Tage unsere Tour:

Kein Tag auf unserer Tour ist wie der andere – doch unsere Tage in Aserbaidschan sind schon etwas ganz besonderes. Die Gastfreundschaft der Menschen hier haben wir ja bereits des Öfteren am eigenen Leib erfahren, aber dieser eine Tag nach der Abfahrt in Baku übertrifft wieder unsere Vorstellungen und war schon so voll von besonderen Erlebnissen, dass wir darüber einfach einen eigenen Beitrag schreiben müssen.

Es fing schon morgens an – wir sind keine hundert Meter vom Hotel gefahren, da sehen wir eine Gruppe High-End Rennräder vor einem Café. Die Besitzer sind ein paar Mitarbeiter des State Security Service und anderer Ministerien und Organisationen, die ein Cycling Team gegründet haben und an diesem Sonntag eine Ausfahrt in Baku planen. Erst beäugen wir uns kurz – sie können bei dem vielen Gepäck nicht glauben, dass wir keinen Motor am Rad haben – als unsere Geschichte erzählt ist, laden sie uns kurzerhand zum zweiten Frühstück ein. So erhalten wir noch Einblicke in die aserbaidschanische Rennradwelt, es gibt hier schließlich auch  die Tour d’Azerbaidjan. Nach unserem Abschied geht es dann hinaus in die Hitze – das Thermometer am Fahrradcomputer zeigt 48°C. Die Rennradler meinen noch, diese Woche wird es besonders heiß.

Unser ursprüngliches Ziel an diesem Tag war Qobustan, dort gibt es Schlammvulkane und die Überreste von vergangenen Kulturen in Form von Felszeichnungen. Das wäre tatsächlich das erste Mal, dass wir von der Straße abbiegen und einen Umweg machen, um uns etwas touristisches an der Strecke anzusehen. Noch vor dem Eingang zum Nationalpark treffen wir allerdings in einem Restaurant einen Ingenieur, der an unserer Reise sehr interessiert ist. Wir zeigen ihm alle Fotos, die wir dabei haben und unsere Route. Vuqar lädt uns nach einem langen Gespräch beim Mittag nicht nur auf das Essen ein, sondern auch für abends zu sich nach Hause, was wir dankend annehmen. Leider ist seine Stadt etwas weiter entfernt, aber das schaffen wir doch bestimmt, denken wir uns. Nach dem Mittag gehts dann nach Qobustan, die Felsenzeichnungen sind wirklich beeindruckend, nur liegen sie auf einem sehr steilen Hügel. Schweißtriefend kommen wir oben an und werden mitleidsvoll von den Mitarbeitern des Nationalparks auf einen Cay eingeladen und können uns danach in Ruhe (zu Fuß) umsehen.

Durch unseren Ausflug ist es doch später geworden, als gedacht. Es ist 18 Uhr und wir haben noch 50 km vor uns. Auch der Rückenwind kann es nicht richten, zur verabredeten Uhrzeit kommen wir wohl nicht in Sirvan an. Kurz nachdem die Sonne untergegangen ist, werden wir dann auch noch von einem Polizisten an einem Kontrollposten angehalten. Wir fahren mal wieder auf der Autobahn, aber das ist kein Problem – er gibt uns zu verstehen, dass es im Dunkeln zu gefährlich für uns sei, hier zu fahren. Wir stehen neben einer Polizeistation mitten im Nirgendwo und er bietet uns an, unser Zelt dahinter aufzubauen. Eigentlich super nett, aber wir beharren darauf, dass wir eine Einladung haben und dorthin müssen. Ich gebe dem Polizisten den Zettel mit Vuqars Nummer und Adresse und er ruft dort kurzerhand an. 15 Minuten später  werden wir abgeholt und können die Räder über Nacht in der Polizeistation lassen.

In Vuqars Villa werden wir fürstlich bewirtet, auch sein Neffe, der eine Zeit in Kanada gelebt hat, kommt vorbei um zu dolmetschen. Langsam eröffnet sich uns die ergreifende Geschichte, die hinter dieser Villa steckt. Seine Tochter Nermin ist vor zwei Jahren an Blutkrebs gestorben, sie war gerade Studentin und liebte Bücher über alles, insbesondere europäische und ganz speziell deutsche Literatur. Vuqars Gedenken an seine Tochter besteht nun aus einer gemeinnützigen Organisation, die westliche Literatur ins Aserbaidschanische übersetzt und herausbringt, unter anderem auch Rousseau und Goethe. Die Gewinne des Verkaufs spendet er wiederum an eine Organisation für junge Frauen mit Blutkrebs. Neben dem Grab von Nermin ist ein Bücherregal angebracht, in dem alle diese Bücher stehen und ständig erweitert werden. Vuqars Traum ist es nun, die Villa, in der seine Tochter aufwuchs, zur Bibliothek umzubauen und an die Stadt zu spenden. Außerdem will er junge Reisende us Europa wie uns umsonst darin beherbergen. Ein wirklich spannendes und unterstützenswertes Projekt, wie wir finden. Wenn es euch interessiert, könnt ihr euch die Webseite oder die Facebook-Seite anschauen.

Nach einem leckeren vegetarischen Abendessen, philosophischen und politischen Gesprächen (unser Gastgeber ist gleichzeitig auch Oppositionspolitiker, der auch öfter in europäischen Kommitees sitzt und gerade aus Brüssel zurück ist) legen wir uns unter freiem Himmel unters Moskitonetz. Ein perfekter Tag. Morgens holen wir die Räder wieder an der Polizeistation ab, dann gehts wieder Richtung Wüste…

Wir können nur hoffen, dass wir, wenn wir wieder zu Hause sind, auch nur halb so gute Gastgeber werden wie die Menschen, die wir bisher in Aserbaidschan getroffen haben.

Macht was draus!

T+D

Baku – Sirvan (bzw. zur Polizeistation davor): 116 km

Sirvan – Salyan: 89 km

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