Iran IV: Teheran

19.08.-23.08.2016

Keine halbe Stunde waren wir in Teheran, als es schon wieder hinaus ging und zwar mit der wildesten Autofahrt unseres Lebens (wohlgemerkt Autofahrt, niemand sagt etwas von Motorrädern). Und das kam so: nach einer Einfahrt über die Autobahn, anders geht es nicht – der größte Freeway ist für Radfahrer gesperrt, also nehmen wir den zweitgrößten – sitzen wir in Sichtweite des Azadi Towers bei Pizza und Cola und freuen uns, dass wir in Teheran angekommen sind. Über 8000 km liegen hinter uns, jeden einzelnen davon haben wir mit dem Radl zurückgelegt. Neben uns hält ein Motorrad, die beiden Fahrer, ein junges Ehepaar in unserem Alter, waren uns schon vor einer halben Stunde begegnet. Von den Rädern aus hatten wir uns kurz über das woher und wohin unterhalten, jetzt wollten sie uns unbedingt einladen. Nach der letzten Nacht im Zelt hatten wir uns eigentlich schon auf eine Dusche im Hotel gefreut, aber was solls. Die Räder werden kurzerhand bei einem Kumpel untergestellt, der in der Nähe wohnt (und gerade einen Nose Job hinter sich hatte), zu dritt zwirbeln wir das schwere Rad die schmale Treppe rauf. Wir werden mit Safraneis in Möhrensaft (super Kombi) versorgt, während ein Auto organisiert wird. Dann geht sie los die wilde Fahrt. Statt der erlaubten 60 sind wir mit 120 km/h unterwegs, Teheran wird zum Autoscooter, mit Zentimeterabstand schlängelt sich das Auto durch den Verkehr. Musik volle Pulle, neben uns ein Kumpel auf dem Moped, keim Helm aber Kippe im Mund und Smartphone im Anschlag, ein Rennen wird veranstaltet mit allerhand riskanter Manöver (alle Großmütter sollten den Beitrag nicht unbedingt bis zum Ende lesen 😉 ). Wir kommen nach 45 min in irgendeinem Vorort an, davon gibt es viele, manche haben Nummern.

Nach der wildesten Autofahrt unseres Lebens verbringen wir einen netten Abend mit einer Gruppe junger Iranis. Auch der Vater unseres Gastgebers kommt vorbei. Mit ihm verstehen wir uns auf Anhieb, am Ende heißt es, wir wären wie Sohn und Tochter für ihn und natürlich mussten wir übernachten und er ließ es sich auch nicht nehmen, uns ein Frühstücksei zuzubereiten (was eigentlich Frauensache ist). Im Krieg gegen den Irak wurde er mehrfach getroffen und schwer verletzt, an ihn sollten wir die nächsten Tage noch oft denken. Am nächsten Morgen sollte es dann zurück gehen, das Problem: das Auto von der Hinfahrt war nicht mehr da. Die einzige Möglichkeit zum Taxi zu gelangen war also das Moped. Einfach ein Taxi zu bestellen geht nicht, es gibt nur Shuttletaxis (Na-dar-baste: keine geschlossene Tür, d.h. Sammeltaxi zu dem man an allen Meydans, Kreisverkehre oder Plätze, zu- und aussteigen kann), die zwischen Teheran und den Vororten verkehren. Der Weg zum Taxieinstieg war die bis dahin gefährlichste Motorrad(!)fahrt unseres Lebens: Drei erwachsene Leute auf einem kleinen Moped mit fünf Radtaschen und einem wahnsinnigen Fahrer. Wir machen drei Kreuze als wir am Sammeltaxi ankommen. Als das Auto voll war, ging es gemächlich wieder Richtung Teheran, am Azadi Tower war wieder Schluss. Das Taxi ging zurück Richtung Vorort. Damit hatten wir nicht gerechnet. Am Endpunkt wartete erneut unser neuer Freund mit seinem Moped auf uns, oh nein, dieses Mal also durch den Stadtverkehr. Toni sitzt hinter mir auf wenigen Zentimetern und krallt sich an mir fest als wir Richtung Innenstadt fahren, während sie mit den Zähnen ihr Kopftuch festhalten muss, damit es sich im Fahrtwind nicht verabschiedet. Als wir endlich an der Wohnung des Kumpels ankommen und die Räder voll bepackt an die Straße schieben, zittern uns immer noch  die Knie. Später am Tag erreichen wir völlig fertig das Hotel, wir schlafen volle zwei Tage bevor wir die Stadt erkunden, wir sind echt durch. Eigentlich war der Plan, die touristischen Ziele im Süden des Landes zu besuchen und das beeindruckende Esfahan zu sehen – wir haben nur keine Lust. Gar keine. Nicht die Geringste. Nach vielen Reiseberichten von anderen Radlern fühlen wir uns als hätten wir eh schon alles gesehen, wir brauchen Ruhe und Entspannung, die finden wir bspw. im Iranian Artist Forum, einer vegetarischen Oase im Trubel der Großstadt. Nach dem Entschluss nicht in den Süden zu reisen buchen wir den Flug nach Almaty (dazu im nächsten Post mehr Infos) und schauen uns Teheran an, eine Stadt, die unter Reiseradlern als langweilig und eher hässlich gilt und nur als Abflugort oder zur Visabesorgung dient.

Tatschlich ist die Stadt einfach riesig, laut und stickig. So riesig, dass wir mehrfach während der Rush Hour nicht in die U-Bahn kommen. Die schönen Seiten sehen wir erst nach ein paar Tagen, wenn es Richtung Nordteheran geht. Was uns auch auffällt ist das völlige Fehlen jeglicher touristischer Infrastrukur: es gibt keine Souvenirläden, Touri-Infos oder Ähnliches (es war uns auch nicht möglich, Postkarten zu finden) – genau das macht Teheran und den Iran aber so spannend. Zwar berichten uns Einheimische, dass man mittlerweile in jedem Restaurant auch Ausländer antreffen kann, wirklich viele Traveller bekommen wir allerdings nicht zu sehen. Ein Highlight ist das Holy Defense Museum, eine Ausstellung, die an das Imperial War Museum in London erinnert und vom Krieg zwischen Iran und Irak berichtet, nur hier mit deutlich weniger Poltical Correctness und einer sehr einseitigen kriegsverherrlichenden Darstellung, dafür mit modernster Technik und beeindruckender Architektur. Überall sind auch Kunstwerke ausgestellt, beispielsweise eine Installation aus den Dog Tags der gefallenen Soldaten, es fehlt aber der kritische Unterton. Nichtsdestotrotz hinterlässt es einen tiefen Eindruck bei uns. Wir kommen gerade rechtzeitig: Beim Eintreten werden wir gefragt, wo der Rest der Gruppe für die Führung sei – die Gelegenheit packen wir beim Schopf und schließen uns einer Gruppe junger Schweden an, ohne einen englischsprachigen Guide wären uns nämlich viele Details entgangen. Nun wissen wir also etwas mehr über Imam Khomeini, der hier allgegenwärtig ist, die Islamische Revolution und den Iran-Irak-Krieg. Unsere Erlebnisse im Museum sind genauso schwer zu beschreiben wie das Land im Allgemeinen, neben Aserbaidschan war der Iran ganz anders als alle vorher bereisten Länder unserer Tour (auch einschließlich aller anderen bisherigen Reisen) und wir haben nur einen sehr kleinen Teil gesehen. Zum Einen ist da die unglaubliche Gastfreundlichkeit, die alte Kultur und die Kultiviertheit der Menschen, zum Anderen gibt es aber auch Dinge, die uns weniger gefallen haben, bspw. die Zensur im Internet – bei Gelegenheit werden wir dazu mal ein Gesamtfazit Iran schreiben (dazu müssen wir die Eindrücke aber erst mal verarbeiten). Tonis Fazit zum Thema Hijab fällt eher positiv aus, tatsächlich war es gar nicht schlimm, bei hohen Temperaturen in langen Sachen zu fahren. Auch das Kopftuch (aus Seide) unter dem Helm war angenehm und hat gut vor der Sonne geschützt. Allerdings stößt uns eine gesetzlich verordnete Kleidervorschrift schon auf, wir würden uns freuen, wenn jeder Mensch tragen kann, was er oder sie will – ob Burka in Berlin oder T-Shirt in Teheran. Insgesamt war unsere Zeit im Iran eine wertvolle Erfahrung, die wir nicht missen möchten.

Im nächsten Bericht erzählen wir vom Flug nach Kasachstan, vor dem sich der Iran noch mal von seiner besten Seite gezeigt hat.

Macht was draus, bis denne.

T+D

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