China V – Gansu: On the road to Dunhuang

16.10. – 25.10.2016

Wir sind fast da, nur noch ein paar Meter dann erreichen wir den nächsten Ort – nach nur zwei Tagen zelten in der Wüste sind wir schon wieder ziemlich fertig und das obwohl wir in Hami einige Tage Pause gemacht haben. Irgendwie läuft es im Moment schleppend, wir haben einen leichten Reiseblues. Noch kurz über den letzten Anstieg auf 1800 Meter, dann sind wir in Xingxingxia, der kalte Wind weht uns ins Gesicht – der Herbst hat uns eindeutig erreicht. Nur 64 Kilometer haben wir geschafft und die waren zäh, insbesondere weil mir ein Pedal kaputt gegangen ist – der Tritt ist nicht rund und ich muss aufpassen, dass das Pedal nicht von der Achse rutscht. Wir malen uns aus, was wir gleich essen werden, die Dusche im Hotel – vielleicht gibt es sogar englische Filme. Anstatt einer netten kleinen Stadt erwartet uns an der Provinzgrenze zu Gansu dann allerdings nur ein runtergekommener Checkpoint – wir kaufen Wasser und bemerken, dass man hier auch übernachten kann – wir checken ein, in eines der schlechtesten Zimmer auf dieser Reise, wir sind zwar froh einen warmen Ort und ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben, trotzdem ist grad alles etwas viel. Wir haben das Gefühl, dass sich alles gegen uns verschworen hat, der Wind, die Technik, die Wüste, wir sind frustiert und genervt.

Ein paar Tage zuvor:
In Hami lassen wir es uns richtig gut gehen – eigentlich keine Stadt um es lange dort auszuhalten, wir gönnen uns trotzdem ein Hotel, das Zimmer ist gut und günstig. Es gibt eine Mediathek mit englischen Filmen und wir können für einige Tage richtig abschalten.

In den Tagen unseres Aufenthalts verlieren die Blätter der Bäume vor dem Hotel ihre grüne Farbe. Als wir weiterfahren, kommen wir nur schleppend voran, die Autobahn macht es uns oft schwer, die schönen Zeltplätze daneben zu erreichen, entweder gibt es Leitplanken, Böschungen oder Felsen. Neben der Autobahn ist stets der Stacheldraht, ab und zu unterbrochen von Kanälen, die im Moment aber kein Wasser führen – hier finden wir meist einen guten Durchgang unter dem Draht.

Das Zelten ist grandios und vertreibt den Reiseblues und den Gegenwindstress, grandios ist auch der nächtliche Sternenhimmel, den wir endlich angemessen ablichten können. Es hat viel zu lange gedauert, uns von den Standardeinstellungen zu lösen und mehr mit der Kamera zu experimentieren. Oft sind wir nach dem Radltag auch zu erschöpft, nachts ist es zu kalt oder wir wollen kein Licht riskieren. Wenn alles klappt, werden wir mit Bildern wie diesen belohnt:

 

Solch ein Zelt/Sternenbild zu machen, ist seit langem ein Traum von mir und natürlich auch sich dabei in einer entsprechenden Landschaft zu befinden. Steppe und Wüsten sind Landschaften und Gegenden, die mich seit jeher sehr anziehen. Die chinesischen Straßen sind die besten dieser Reise, solch perfekten Asphalt findet man auch in Europa nur selten und nach den „Magazins“ in Zentralasien erscheinen uns die chinesischen Läden wie das Schlaraffenland, auch erwischen wir die perfekte Zeit für unseren Ritt durch die Gobi – es bleibt allerdings eine Strecke mit wenig Versorgungsmöglichkeiten, Ortschaften usw. und eine Tour durch die Wüste bleibt immer eine existenzielle Erfahrung, einfach durch die unermessliche Weite der Landschaft. Wir stellen uns vor, wie beschwerlich diese Strecke zu Zeiten Marco Polos gewesen sein muss. Wir fahren uns gerade ein und können die Landschaft wieder genießen, als uns erneut ein Dämpfer ereilt. Mein Pedal macht seit Turpan Probleme, eigentlich ein Modell mit leicht zu wartenden Konuslagern, ohne passendes Werkzeug und technischen Sachverstand, verschlimmbessere ich die Teile und zerstöre die Lager und das Gewinde vollends – never fix a running system. Bis nach Dunhuang sind es noch 230 km, diese gilt es mit einem Pedal zu bewältigen, das ständig von der Achse zu rutschen droht (der Fahrradmechaniker, bei dem wir einen Kurs zur Reperatur besucht haben, meinte noch, um die Pedale brauchen wir uns nicht kümmern, die halten ewig – er hat nicht mit meinen technischen Fähigkeiten gerechnet).

Im Nachhinein scheint dieser (nicht wirklich schlimme) technische Defekt genau zur richtigen Zeit aufzutreten. Uns wird deutlich, wie glücklich wir uns schätzen können, bisher von schweren technischen Problemen verschont worden zu sein, gerade in so exponierten und einsamen Gegenden wie hier. Wir haben endlos Zeit, über alle möglichen Themen nachzudenken. Wir merken, dass wir die geborenen Langstreckenfahrer sind. Die Strecke muss nicht abwechslungsreich oder abenteuerlich sein – einsam, monoton und exponiert liegen uns viel mehr. Die Wüste ändert ständig ihr Antlitz, hätten wir uns nicht langsam an die Eintönigkeit gewöhnt, würden uns die Änderungen in den Nuancen nicht auffallen – kommt man mit dem Bus in Dunhuang an, mag einem die Vegetation vielleicht karg und trocken erscheinen, für uns ist diese Stadt wahrhaft eine Oase (mehr zu Dunhuang im nächsten Beitrag). Ein weiterer Traum geht in Erfüllung, wildes Zelten in einer schwarzen Wüste zwischen Schieferbergen. Die Bilder geben den Charakter dieser Landschaft nur unzureichend wieder, eine unwirkliche Gegend wie von einer anderen Welt.

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie weit wir noch durch China fahren wollen/können, bevor der Winter richtig kommt, wir hören von befreundeten Radlern von vereisten Straßen in höheren Lagen.

Trotzdem machen wir schon wieder Pause und schauen uns Dunhuang an, dieses Mal besuchen wir auch tatsächlich einige touristische Ziele und, so viel sei verraten, Dunhuang ist alle Strapazen wert gewesen (neue Pedale gab es auch).

Macht was draus.

Etappen:

Pausentage in Hami
Hami – Zeltplatz an der G30: 86 km
ZP – Xingxingxia: 64 km
Xingxingxia – schwarze Wüste: 103 km
Wüste – Dunhuang: 118 km

Kilometerstand: 11476 km

2 Responses to “China V – Gansu: On the road to Dunhuang

  • Hey, toll von euch zu lesen. Ich war die letzten Monate unterwegs und hatte heute die Ruhe die letzten Berichte seit dem Iran durchzulesen. Toll!

    • Daniel & Toni
      2 Jahren ago

      Hallo Fabian, danke für den Kommmentar und die netten Worte. Wir haben gerade deine webiste durchgeklickt und sind schwer begeistert. Umso mehr freut es uns, dass unsere Reise dein Interesse findet. Unser Kumpel Andy (den wir in Istanbul getroffen haben) fährt gerade von UK nach Südafrika (www.thewildcyclist.com), deshalb rückt dieser Kontinent im Moment in unseren Fokus. Wer weis wohin die Reise gehn wird? LG aus China D+T

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