China XI – Yunnan: Welcome to the Jungle

13.12. – 18.12.2016

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass wir die Berichte seit einiger Zeit nach Songs betiteln, bei diesem hier schwankten wir noch zu einem anderen Guns ’n‘ Roses Klassiker: „November Rain“, wir fuhren durch einige ziemlich hässliche Ortschaften und Landstriche, bei spätherbstlichem Wetter und seit langem mussten wir auch mal wieder die Regenjacken auspacken. Auf dem Rad habe ich oft darüber nachgedacht, wie ich die Strapazen beschreiben könnte – wir sind seit drei Wochen praktisch non stop unterwegs, immer mit Zeitstress, meist bergauf, alles tut weh, wir sind am Ende ziemlich durch. Doch jedes Mal, wenn alles nur noch grau und öde ist und der Hintern weh tut, ändert sich kurz darauf die Landschaft. Im Zeitraum dieses Berichts haben wir wieder einiges an beeindruckender Natur gesehen (Red Lands, Bergstraßen über den Wolken, 50 km Abfahrt), alle Wehwehchen geraten dann schnell in Vergessenheit. Dazu kommt, dass sich auch unsere Fitness wieder enorm gebessert hat, das letzte mal so gut auf dem Rad haben wir uns bei unserer Ankunft in Tiflis gefühlt, nachdem wir durch Georgien und entlang der türkischen Schwarmeerküste gehetzt waren, damit der Visaantrag für den Iran nicht verfällt.

Diese Zeilen enstehen in Lao Cai, dem ersten vietnamesischen Ort nach der Grenze (gerade ist der Strom ausgefallen, kurze Pause vom Jingle Bells nebenan). Auf der anderen Seite des Flusses kann man noch die Lichter der chinesischen Grenzstadt in der Dämmerung erkennen. Vor wenigen Tagen waren wir noch mitten in Yunnan, in Kunming im Upland Hostel (eines der besten Hostels bisher) und feiern mit Andy aus Schottland unser Vietnamvisum (problemlos zu bekommen, trotzdem ein Anlass zum „Cycledrinking“). Bis Kunming waren wir schneller als gedacht und wir erlauben uns dort einen weiteren Tag ohne Radeln, der erste ist für Botschaft und Fahrradwartung draufgegangen. Andy fährt in die andere Richtung und bekommt die Landkarte, mit der Tori (die mittlerweile wieder in Japan ist) schon durch China gereist ist. Ich mag die Vorstellung, dass die Karte weiter gereist ist als der Besitzer. Auf diese Weise haben wir bisher fast alle unsere Landkarten bekommen.

Mit Kopfschmerzen gehts es am nächsten Morgen weiter, der Tequila Sunrise war super und zur Abwechslung (für chinesische Verhältnisse) auch mal mit einem ordentlichen Schluck Alkohol drin. Andys schottischer Akzent wird uns noch lange im Ohr klingen. Kurz vor dem Ende der ersten Tagesetappe verliert Toni beim Bremsen auf der Abfahrt die Kontrolle über das Rad und stürzt. Ihr und dem Rad geht es gut, der Helm hat ein paar Kratzer und Schlimmeres verhindert. Eine kleine Erinnerung immer vorsichtig zu sein – die nächsten Tage wird es einige Abfahrten und spektakuläre Bergstraßen geben. Wir fahren einige der krassesten Straßen dieser Tour und unseres Lebens (davon gibt es keine Bilder, die machen wir auf Abfahrten grundsätzlich nicht – es sei denn, es bietet sich an und die Felgen müssen eh abkühlen).

Wir fahren entlang der S214 durch Ausläufer der berühmten Red Lands, hier zu Zelten wollen wir uns nicht entgehen lassen (da es hier auch sonst nichts gibt, bleibt uns auch wenig anderes übrig). Der rote Sand klebt noch für Tage an unseren Sachen, zum Glück ist es trocken geblieben.

Vor uns liegt eine 50 km lange Abfahrt auf nassem Asphalt. Wir lernen aus unseren Fehlern und fahren vorsichtig. Für diesen Moment lohnt sich die 13500 km lange Anfahrt: Wir starten auf Wolkenhöhe und fahren durch ebendiese hinein in den Dschungel. Die Straße ist kaum breit genug für zwei LKWs und an der Seite wartet der Abgrund, jetzt heißt es sich zu konzentrieren und nicht zu viel nachdenken: wir spüren das Leben intensiv wie selten zuvor, ein reines Vergnügen.

Teilweise ist die Straße nicht nur feucht, sondern auch schlammig, der Dreck spritzt bei hoher Geschwindigkeit überall hin. Nicht nur unsere Räder, sondern auch unsere Klamotten sind am Ende der Abfahrt über und über mit Schlamm. Wir erreichen den Hong He (Red River), dem wir bis Vietnam folgen werden und der auch der Grenzfluss wird. Wir fahren an endlosen Bananenplantagen vorbei, nicht ohne uns mit ausreichend gelben Energieriegeln zu versorgen, die schmecken direkt vom Baum am Besten und geben Kraft auf dem Radl. Auch an Ananas- und Papayaplantagen kommen wir vorbei und freuen uns auf die große Vielfalt an Obst und Gemüse in Südostasien.

Wir stinken und sind voll mit Schlamm, genau wie unsere Taschen, als wir einen Ort nahe der Grenze erreichen. Zum Glück gibt es auf einem Parkplatz einen Wasserschlauch, mit dem wir erstmal unsere Räder und Taschen abspritzen und sauber machen können. So haben wir das am Wegesrand auch immer bei den Truckfahrern gesehen. Wir hatten mit einer weiteren Nacht im Zelt gerechnet, weil es die letzen 150 km durch landwirtschaftliche Einöde ging. Ein Karaoketempel im Ort hat auch Zimmer zu vermieten, wir checken ein, ohne den Pass zeigen zu müssen (wohl eher nicht legal, dass wir hier übernachten dürfen) und essen in der Truckerkneipe nebenan unser bisher schärfstes Essen in China. Am nächsten Morgen wachen wir auf und sind buchstäblich in Südostasien. China, insbesondere der Nordwesten war etwas ziemlich eigenes, hier merkt man plötzlich einen Wandel. Es ist Sonntag und Markttag und Yunnan präsentiert sich so, wie wan ein Asienklischee erwartet. Auf dem Markt ist das absolute Verkehrschaos, alles passiert in einer kleinen Straße, durch die sich Menschenmassen, Autos und Rikshas drängen und wir können nur wenig Bilder im Gedrängel machen. Überall verkaufen die Menschen Obst, Gemüse, Tofu in riesigen Blöcken, auch jede Menge lebende Tiere werden hier feilgeboten. Hühner, Enten, Schweine, Meerschweinchen und Kaninchen. Wir stocken die Reserven für die letzte Etappe zur Grenze auf und genießen das Gewusel.

Das wunderbare Gemüse auf dem Markt bekommt einen faden Beigeschmack, wenn man sieht, was den ganzen Tag auf die Felder gesprüht wird, die Werbung der Pharmariesen (BASF und Sinochem) ist omnipräsent und verspricht utopische Ernteerträge.

Wir treffen Zhengkang, einen chinesischen Reiseradler von der Ostküste, der sein ganzes Heimatland umrundet und Stempel von allen Grenzposten auf seiner Landkarte sammelt, ein echt cooler Typ. Wir bleiben über WeChat in Kantakt und teilen Bilder unserer Touren. Vietnam erblicken wir zum ersten Mal auf der anderen Seite des Flusses, sehr geil, drei Monate China gehen zu Ende.

Wir erreichen die Grenze am Abend des 18.12.,  zwei Tage vor Ende unseres Visums. Unseren ersten Eindruck vom 14. Land dieser Radtour gibt es dann im nächsten Beitrag.

 

Macht was draus,

Love + Lycra

T+D

 

Etappen:

2x Pausetag in Kunming

Kunming – Luchong: 84 km

Luchong -Qujiangzhen: 106 km

Qujiangzhen – Red Lands (nach Jianshui): 76 km

Red Lands – Manhao: 119 km

Manhao – Hekou: 100 km

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