China Fazit – The Times They Are a Changin

Wir nutzen unsere „Zwangspause“ in Hanoi (Hintergründe dazu gibts hier) um ein paar Gedanken zu digitalem „Papier“ zu bringen. Hier unsere sehr subjektive Einschätzung der China-Etappe – ein bisschen Politik gibts diesmal auch. Ein Fazit von uns mit Fokus aufs Radfahren gibt es im Radreiseforum. An keinem anderem Bericht haben wir länger gesessen als an diesem und keiner hat mehr Revisionen gesehen (und keinen wollten wir öfter wieder löschen). Wir haben uns immer gefragt: Können wir diese Aussage so treffen? Sind unsere Beobachtungen stimmig oder entsprechen sie nur dem Klischee? Wir haben endlos diskutiert und sind immer noch nicht sicher, was wir von China halten sollen. Wir freuen uns über Kommentare von anderen Chinaradlern und sind gespannt auf eure Meinung.

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Oh Mann, China! Als wir vor knapp drei Monaten von Kasachstan nach China einreisen, präsentiert sich uns das Reich der Mitte als modernes, aufgeschlossenes Land. Im Wartesaal der Zollabfertigung steht in großen Lettern „Ambassador of Civilisation“ – Botschafter der Zivilisation, dies war unsere erste Begegnung mit dem chinesischen Selbstverständnis. Auf der anderen Seite der Grenze liegen die Länder Zentralasiens, mit all den typischen Problemen: schlechtes Essen, Alkoholmissbrauch, Korruption usw. Hinter der Grenze präsentiert sich das moderne China, die Leistung des Grenzbeamten kann man mit Knöpfen an seinem Tresen bewerten, ein lachendes Gesicht bedeutet allgemeine Zufriedenheit mit der „customer experience“ – Marktwirtschaft pur im Reich der Kommunistischen Partei Chinas.
Der Plan war, uns in Teheran für das Chinavisum zu bewerben. Als sich im Reisendenbuschfunk immer mehr abzeichnete, dass es statt der üblichen 3 Monate China nur noch einen Monat gibt, haben wir gedacht: „Sei’s drum, dann kommen wir schnell nach Südostasien und ans Meer“. Wir hatten wenig Lust auf China, das unter Radreisenden einen schlechten Ruf genießt. Eher durch Zufall haben wir dann doch ein 3-Monats-Visum in Tbilisi bekommen und sind auch tatsächlich so lange in China geblieben. Genau wie viele andere Radler, die wir getroffen haben, waren wir am Ende doch sehr angenehm überrascht, als unsere schlechten Erwartungen nicht erfüllt wurden. Unter Radreisenden (wir wagen die Verallgemeinerung auf Grundlage der vielen Bücher und Reiseberichte, die wir gelesen hatten) galten Chinesen lange Zeit als laut, unhöflich, anstrengend und oberflächlich. Diese Charakterisierung trifft auch einen wahren Kern, ist aber im China des Jahres 2016 einfach nicht mehr zutreffend. Das moderne China hat eine vergleichsweise junge Geschichte und die Geschichte der Öffnung ist noch deutlich kürzer. Wir denken, dass viele negative Reiseberichte schon einige Jahre alt sind und sich in dieser Zeit vieles verändert hat (China ändert sich sowieso unglaublich rasant), die frühere Xenophobie ist einem Interesse an allem Westlichen gewichen, das dem europäischen Radreisenden, der, wenn er China bereist, meist aus den Ländern des mittleren Ostens mit ihrer überbordenden Gastfreundschaft kommt, nur sehr oberflächlich erscheint. Während man im Iran nach kurzer Zeit praktisch zur Familie gehört, beschränkt sich die Interaktion mit Chinesen meist auf ein Selfie, das mit einem zusammen, praktisch im Vorübergehen geschossen wird. Von diesem oberflächlichen Interesse kann man auf vielen Reisewebseiten lesen, es ist auf jeden Fall lustig, wenn man vor der großen Mauer oder der Terrakottaarmee steht und man selbst zur Attraktion wird. Viele empfinden diese Situationen als nervig, vielleicht auch, weil es am Ego des abenteuerlichen Weltumradlers kratzt, wenn man auf die dekorative Rolle des Statisten reduziert wird. Zeigt das chinesische Gegenüber allerdings tiefergehendes Interesse, scheitert die Kommunikation dann an der Sprachbarriere, die gleichen Reisenden, die Oberflächlichkeit im kulturellen Austausch anprangern, lassen sich oft wenig auf die Sprache ein.

Es gibt natürlich auch Chinesen, die perfekt Englisch sprechen, auch Deutsch ist eine beliebte Sprache bei jungen Chinesen, zumindest treffen wir immer wieder welche, die gerade ihre Vokabeln lernen. Viele chinesische Studenten zieht es nach Deutschland, das können wir aus unserer eigenen Erfahrung bestätigen. Meist wird sich ob seines schlechten Englisch entschuldigt, wir entschuldigen uns dann für unser schlechtes Chinesisch, was die Leute immer sehr freut. Die Kommunikation mit den Chinesen der Mittelschicht lässt uns immer erstaunt zurück und stellt unsere Vorurteile auf eine harte Probe, viele, die wir treffen, sind in Europa mehr umhergekommen als wir.

Wir sehen auch einiges an Armut, allerdings weniger augenscheinlich als in anderen Ländern, die sichtbare Ungleichheit ist enorm (SUV neben Müllsammler auf klapprigem Fahrrad), trotzdem scheint das allgemeine Wohlstandsniveau im Straßenbild hoch. Die Arbeit auf dem Feld oder im Straßenbau ist oft hart, auch kleine Läden scheinen niemals zu schließen, die Leute sehen aber zufrieden aus (fast eine protestantische Arbeitsethik, die Leute lassen sich so gerne ausbeuten wie bei uns) – das alles bei den ständig sichtbaren Symbolen der KP Chinas. China lässt uns erneut ratlos und überfordert zurück. Auf der einen Seite totale Überwachung und Zensur, auf der anderen Öffnung, wirtschaftlicher Erfolg und damit verbunden neuer Wohlstand und neue Lebensmodelle, z.B. das der selbständigen und erfolgreichen, aber (noch) unverheirateten Frau, die als „Übriggebliebene – Sheng nu 剩女“ auch in der chinesischen Popkultur abgewertet wird (unterstützt durch die Regierung) – und das obwohl es in China einen weltweit überdurchschnittlich hohen Anteil an weiblichen CEOs gibt. Wir erleben die Ellenbogengesellschaft und Egoismus (ob beim Essverhalten oder bei der Müllentsorgung), dann die Gemeinschaft beim abendlichen Tanz oder Tai Chi, sowie die Wiederentdeckung der eigenen Kultur in Mode, Architektur und Popkultur, auch wenn es uns etwas oberflächlich erscheint. Wir bemerken neben dem alltäglichen Chaos übertriebene Sicherheitsvorschriften und Maßnahmen in den Städten, die oft ad absurdum geführt werden.

Mit dem oft beschworenen Wunsch der Chinesen nach Stabilität und Ordnung (ohne gibt es keinen zivilisatorischen Fortschritt, so die Lehre des chinesischen Sozialismus) und dem Vorrang dieses Wunsches vor bürgerlichen Freiheitsrechten, wird von Seiten der Regierung immer wieder der eigene autoritäre Herrschaftsanspruch legitimiert. Xi Jinping, aktueller Ministerpräsident und Generalsekretär der KP von China, bezeichnet China als die „weltgrößte Demokratie“, ein chinesisches Selbstverständnis, das uns unsere Gesprächspartner immer wieder bestätigen. Die Diskrepanz zwischen demokratischem Selbstverständnis und dem faktisch schlechten Abschneiden bei Demokratieindizes ist der größte „Brocken“, den der politisch interessierte Chinatourist verdauen muss. Eine Beschäftigung mit Argumenten und zugrundeliegenden Konzepten ist dem Verständnis Chinas als Ganzes dabei sehr zuträglich.

Die Diskussion um die „weltgrößte Demokratie“ fußt insbesondere auf der Abgrenzung zu Indien, der weltgrößten Demokratie aus westlicher Perspektive (eine Sichtweise, die nicht nur ideologischen Motiven entspringt, sondern auch geopolitische Interessen wiederspiegelt), und der Frage wie solche großen Länder regiert werden können. Im globalen Wertediskurs, in dem China eine immer selbstbewusstere Rolle einimmt, stellen chinesische Eliten die Frage in den Raum, ob die universellen demokratischen Werte wirklich universell oder nur westlich und historisch gewachsen sind und ob in China den Interessen der Bevölkerung nicht mehr Rechnung getragen werde als in Indien. Zumindest der wirtschaftliche Erfolg und der damit verbundene Wohlstand für die Mittelschicht gibt ihnen Recht. Diese Argumentation zeigt das chinesische Demokratieverständnis: eine gute Regierungsführung ist gleichzeitig auch politische Legitimation. Begründet wird diese Argumentation auch durch die Existenz konsultativer Elemente innerhalb chinesischer Institutionen (bei Berücksichtigung ethnischer Minderheiten) und meritokratischer Elemente innerhalb der kommunistischen Partei.

Für den Chinaradler erfordert die politische Diskussion an der Hostelbar einen gewissen Pragmatismus und Fingerspitzengefühl, ohne seine Überzeugungen zu verraten. Der ermöglichte Perspektivwechsel ist aber auf jeden Fall einer der lohnenswerten Aspekte unserer Reise. Wir haben unsere Zeit in China sehr genossen, unsere Route hätte deutlich abenteuerlicher und abwechslungsreicher sein können, es gibt noch so viel mehr zu sehen, wir haben es bspw. auch nicht geschafft nach Tibet zu kommen. Diesen Mut zur Lücke konnten wir vor uns damit rechtfertigen, dass wir relativ schnell beschlossen haben, auf jeden Fall zurückzukehren ins Reich der Mitte. China ist ein fast perfektes Radreiseland und ein Höhepunkt unserer Radtour. Schon nach kurzer Zeit vermissen wir vieles, besonders das Essen.

6 Responses to “China Fazit – The Times They Are a Changin

  • Vielen Dank! Das macht mir doch auch nochmal mehr Mut, Regionen dieses riesigen Chinas mit dem Rad zu berreisen …

    • Daniel & Toni
      2 Jahren ago

      Nichts gegen Vietnam aber wir vermissen China, vorallem das Essen. LG

  • Ich bin seit Weihnachten 2016 in China unterwegs und empfinde China sehr wohl als laut und anstrengend. Unhoefliche und bezaubernde Menschen halten sich die Waage, wobei Tibeter definitiv freundlicher sind. Es ist definitiv keines meiner Lieblingslaender, aber so hat jeder eben seine eigenen Erfahrungen.

    LG Annette

    • Daniel & Toni
      2 Jahren ago
        Hi Annette, danke für den Kommentar. Mittlerweile haben wir noch etwas mehr Abstand zu China und wissen immet noch nicht was wir von dem Land halten sollen. Von allen Ländern der Welt ist Vietnam China am ähnlichsten und trotzdem so ganz anders. Lg D und T
  • Hallo
    Ich bin im Moment grad in Golmud, China und habe bis jetzt so ein bisschen meine liebe Mühe. Ich bin sicher bis jetzt nur durch die Wüste gefahren und habe noch nicht viel gesehen. Aber die Leute, vor allem die Kommunikation, war bis jetzt schon ein Problem und manchmal denke ich, die wollen auch nichts verstehen. Natürlich gibt es auch die positiven Seiten, wie z.B. das essen. Jetzt geht es für mich in Richtung tibetisches Hochland und ich freue mich auf diesen Teil der Reise. Gruss aus dem Reich der Mitte. Mathias

    • Daniel & Toni
      2 Jahren ago

      Ja China war schon nicht einfach. Wir hatten am Anfang null Bock auf China – und wurden ziemlich positiv überrascht. In anderen Ländern war es oft anders herum, es hat auch viel mit dem Mindset zu tun. Ich kann mir vorstellen das es dür dich,wenn du allein unterwegs bist, noch um einiges antrengender ist. Wir hoffen dass du Gefallen an China findest,für uns war es eine der lohnensten Erfahrungen auf dieser Reise und ähnlich kontrovers wie jetzt die USA.Grüße aus NYC, Tibet wird der Knaller.

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