USA VII: Kansas – Auf rauen Pfaden zu den Sternen

22.07.2017 – 31.07.2017

Diese Zeilen entstehen Anfang November in Berlin (und werden jetzt erst fertig), wir sind mehr oder weniger angekommen. Toni hat sich eingearbeitet und meine Bewerbungen laufen gut, für das erste Bewerbungsgespräch wurden neue Schuhe besorgt (ich hatte nur Klickies und Laufschuhe) und das Jackett aus dem Schrank geholt. Oh man, da sind wir wieder im „echten“ Leben 😉 Heute laden wir euch zu unserem Kansas-Reisebericht ein. Wir wollten die echten USA, Heartland America, kennenlernen – und so viel vorweg, wir wurden nicht enttäuscht. Kansas sollte wider Erwarten zu einem unserer Lieblingsstaaten werden und so ist dieser Bericht eine ziemlichen Aneinanderreihung großartiger Gesten der Gastfreundschaft. Erstmal zurück bis kurz vor der Staatsgrenze, in eine der größten Städte von Colorado….


Wir gehen durch Pueblo, Colorado und kaufen eine Flasche Wein (meist entscheiden wir uns für einen süßen Riesling aus Deutschland in der Exportversion für den amerikanischen Markt) für unseren Gastgeber heute Abend. Ein Typ spricht uns an, ob wir eine Unterkunft für die Nacht haben, er sei bei Warmshowers – wie nett, trotzdem lehnen wir dankend ab, wir sind bereits verabredet. Er fragt uns noch, ob wir nach Kansas führen, wir bejahen und er schüttelt den Kopf und murmelt nur etwas wie: „strange place“. Was ist denn hier los?

So läuft das jetzt schon einige Zeit, Kansas ruft bei vielen Radlern nicht unbedingt Begeisterung hervor. Auch unser Gastgeber für den Abend meint nur, Radler hätten sehr ambivalente Erfahrungen im Nachbarstaat gemacht. Aha.

Also rüber über die Stateline, kurz vor dem Schild treffen wir einen Radler, mit dem wir uns kurz unterhalten. Ihm wurde in Grand Junction sein Rad gestohlen, als er in der Stadt zeltete (seine Geschichte kommt immer wieder zur Sprache, wenn wir andere Radler treffen und sollte uns noch ein ganzes Stück begleiten). Die Warmshowers-Gastgeber, die er daraufhin um Hilfe bat, haben kurzerhand eine Spendenaktion ins Leben gerufen und ihm mit der Hilfe lokaler Radler ein neues Rad plus Ausrüstung finanzieren können – eine sehr amerikanische Geschichte.

Wir fahren also nicht ganz unbeschwert nach Kansas und müssen immer an das gestohlene Rad denken, wenn wir unsere Räder abschließen. Als wir später in Grand Junction ankommen (hier wurde das Rad gestohlen), empfinden wir die Stadt als äußerst gastfreundlich, es wird mal wieder Zeit für ein zweites Burrito-Frühstück und die Drinks gehen mit einem „Welcome to the USA“ für lau über den Tresen. Vielleicht passt man auf Radreisende jetzt besonders auf, eben wegen der blöden Geschichte unseres Bekannten.

Soweit sind wir aber noch nicht. Am ersten Abend sieht es mal ziemlich schlecht aus, in der flachen Prärie eine hübsche, sichtgeschützte Stelle fürs Zelt zu finden.

Mit einer Tanke in der Nähe für die morgendlichen 44oz Iced Coffee finden wir eine super Brücke unter dem Highway, die Platz und Schatten spendet – hier bleiben wir über Nacht.

Ihr erinnert euch an Gillian aus Neuseeland? Wir hatten viel zu erzählen, wir erreichten sie im Dunkeln nach einer langen Etappe in der Hitze – es war einfach nur grandios – es schlaucht aber auch. Abwechselnd wildcampen an mehr oder weniger günstigen Stellen, dazwischen die Achterbahn der Gefühle bei den unglaublich gastfreundschaftlichen Hosts und tagsüber immer Hitze und Gegenwind – wir sind durch und entscheiden uns für ein Motel. Das wäre das zweite und letzte Mal in den USA, dass wir uns ein Zimmer gönnen. Mal wieder eine Klischeeunterkunft wie sie im Buche steht. Man sieht in den Innenstädten der kleinen Ortschaften die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise, viele Geschäfte sind verrammelt. Es scheint sehr typisch amerikanisch zu sein, in solchen Fällen einfach alles stehen und liegen zu lassen und weiterzuziehen – Geisterstädte wie im wilden Westen. Viele alte Motels stehen unter neuer Bewirtschaftung, zumeist von Einwanderern aus Indien/Pakistan oder Bangladesch. Da liegen wir also in unserem heruntergekommenen Hotel, eine Kakerlake läuft auch durchs Bad, wir kühlen den Raum auf arktische Temperaturen runter und machen das pisswarme Budlight mit Eiswürfeln trinkbar.

Nichts geht mehr. Ein Tiefpunkt unserer Reise ist erreicht.

Keine Möglichkeit eine Pause einzulegen, dazu der Overkill an tollen neuen aber auch anstrengenden Eindrücken, derweil die Hitze in Kombination mit langen Etappen – Körper und Geist fordern ihren Tribut. Eigentlich müssten wir sogar noch eine Schippe drauflegen, um unser Ziel New York City pünktlich zu erreichen und den gebuchten und bezahlten Flug zu erwischen. Wir wollen unbedingt das ganze Land und damit auch den ganzen Kontinent durchqueren und nochmal richtig an unsere sportlichen Grenzen kommen. Auf der anderen Seite wollen wir aber auch das Land erleben und kennenlernen – alles rumrechnen an den Etappenlängen hilft nichts, wir müssen eine Entscheidung treffen: Zug fahren oder nicht.

Seit den ersten Tagen der Amerika-Etappe verfolgt uns der KATY-Trail, ein Bahntrassenradweg in Missouri. Manchmal sind es Warmshowershosts, die uns davon erzählen, manchmal andere Radler. Wir recherchieren, wie wir das Maximum aus der verbleibenden Zeit herausholen: So viel sehen und fahren wie möglich, ohne es zu übertreiben.

Alles fügt sich zu einem perfekten Plan zusammen 😉

Unser Ziel ist es also, nach Missouri zu radeln und dort dem KATY-Trail bis nach St. Louis zu folgen. Der KATY-Trail folgt den Spuren von Lewis und Clark, zwei amerikanischen Entdeckern, die nach dem „Louisiana Purchase“ von St. Louis ausgehend einen schiffbaren Weg bis zum Pazifik finden sollten. Ein Jahr zuvor, 1803, kauften die USA von Frankreich ein großes Gebiet in den zentralen USA und verdoppelten damit praktisch ihren Einflussbereich. Die Expedition der Pioniere wird praktisch zum Gründungsmythos der USA – es erscheint also passend, unsere „Western States“-Expedition in St. Louis zu beenden, das außerdem die Bierhauptstadt der USA ist. Ähnlich wie in China, wo wir bis zum westlichen Ende der großen Mauer gefahren sind, um im echten China anzukommen, ist nun wieder der richtige Punkt erreicht, um den Zug zu nehmen. Von St. Louis werden wir über Chicago nach Buffalo im Staat New York fahren. Von dort soll es entlang des Erie-Kanals Richtung Big Apple gehen – so weit der Plan.

Ihr habt vielleicht schon gemerkt, dass wir immer auf der Suche nach lokalen Bierspezialitäten sind. Die Jagd nach handwerklich gebrautem Gerstenwasser ist irgendwie unser Hobby geworden, seit wir in einem schottischen Pub vor vielen Jahren ein kalifornisches Lagunitas IPA getrunken haben. Ein meilenweiter Unterschied zur deutschen Standardplörre. Allen radfahrenden Bierliebhabern sei die App Untapped empfohlen. Hier kann man sein Geschmackserlebnis bewerten und viel über Bier lernen, den Tipp haben wir natürlich von Helmut und Sophia (Two in a Billion).

Mit neuen Zielen vor Augen können wir uns auch endlich wieder etwas entspannen, der ganze Stress fällt von uns ab und wir genießen den Weg nach St. Louis.

Unser neuer Plan bedeutet aber, dass wir den Transamerica Trail wieder verlassen, was uns etwas traurig stimmt, war die Vollendung des Trails doch ein lang gehegter Traum. Solche Langstreckenradwege haben viele Vorteile, so muss man sich nicht um die Navigation bemühen und die Leute sind ein bisschen an Radler gewöhnt (das kann gut oder schlecht sein, vor allem im Straßenverkehr). Der wichtigste Vorteil ist aber die Infrastruktur in Bezug auf die Möglichkeit, in dünn besiedelten Gegenden im Stadtpark zu übernachten. Verschiedene Gruppen haben versucht das Ganze etwas zu institutionalisieren und man bekommt tolle Karten von der Adventure Cycling Association oder behilft sich mit Webseiten, die alle möglichen Ortschaften am Wegesrand auflisten und was es dort so gibt.

 

Wir versuchen an einem typischen Tag in Kansas bevor es dunkel wird, eine nette kleine Stadt zu finden. Meist fragen wir einfach an der Tanke wenn wir uns einen riesigen Becher Soda kaufen (hier heißt es Pop, die Frage: „Soda oder Pop?“ sagt viel darüber aus, aus welcher Gegend der USA euer amerikanisches Gegenüber stammt), ob wir hier irgendwo unser Zelt aufbauen können. Der Tankstellenwart sagt dann meist etwas wie: „Sure, welcome to my town!“ oder ruft mal kurz den Sheriff, der sowieso meist in der Nachbarschaft wohnt. Wir fühlen uns immer ziemlich cool, wenn wir selbst beim Sheriff fragen, Wilder Westen und so. In ganz Kansas wurden wir nie weggeschickt, wenn wir irgendwo campen wollen, der Stadtpark ist meist mitten in der Wohngegend, hat einen Spielplatz, Tische, Toiletten und vielleicht sogar einen kleinen Pool. Nie müssen wir dafür bezahlen, allerdings bringen wir auch etwas Geld in die kleinen Ortschaften, indem wir im lokalen Supermarkt einkaufen.

 

Das Zelten im Stadtpark ist ziemlich angenehm, meist gibt es öffentliche Toiletten und wir haben den Platz für uns. Wir müssen nicht wildzelten und schlafen entspannt ein (wenn die Hitze uns lässt) – der Gegenwind tagsüber schlaucht einfach. Wie schon in der Gobi macht uns die vermeintliche Eintönigkeit nichts aus, auch der Gegenwind zermürbt uns nicht – auch weil wir wissen, dass er nur einmal die Richtung wechseln muss um uns einen perfekten Radltag zu schenken.

Dann kommt er endlich: der perfekte Tag. Nett gezeltet, halbwegs früh auf dem Bock und der Präriewind bläst uns den Highway entlang – Rock’n’Roll. Wie sollte der Tag noch besser werden?

Nach 130 km kommen wir tiefenentspannt in Lyons an, es ist noch früher Nachmittag. In dieser Stadt gibt es einen Campingplatz, auf dem man umsonst zelten darf, cool – wir decken uns im Liquor Store mit Craftbeer ein. Endlich mal wieder richtiges Bier und dann noch eine große Auswahl lokaler Brauereien. Natürlich müssen wir beim Bezahlen unsere deutsche ID zeigen und kommen ins Gespräch über handwerkliche Braukunst in der Gegend. Zwei weitere Kunden, die gerade den Sixxer Bud Light für den Abend kaufen, hören uns gespannt zu. Auf halbem Weg zum Zeltplatz fährt das Paar dann an uns vorbei und wie so oft erwächst aus einem kurzen Gespräch aus dem Auto heraus ein großartiges Erleben amerikanischer Gastfreundschaft. Die beiden entschuldigen sich mit: „Wir wissen es ist ne komische Frage – aber, he, vielleicht wollt ihr bei uns duschen?“, da sind wir doch natürlich dabei, war es doch die letzten Tage ziemlich heiß und in Stadtparks gibt es selten Duschen.

Wir haben ja mittlerweile schon ein paar solcher Abende erlebt und spätestens, als wir dann das Bier auf den Tisch stellen und teilen, ist uns ziemlich klar wie der Abend laufen wird und wir nicht zelten müssen. Unsere Gastgeber haben zum ersten Mal Leute von der Straße eingeladen – das will schon was heißen in den sonst so sicherheitsbewussten USA. Am nächsten Morgen (nach einer Nacht in kuscheligen Betten mit Klimaanlage) erzählen die beiden, wie sie während des Gesprächs mit uns, per SMS über unsere Vertrauenswürdigkeit gechattet haben. Am Abend kam noch der Lokalreporter vorbei, um mit uns ein kleines Interview für die „Lyons News“ zu führen.

Mit Pop-Tarts gestärkt gehts am nächsten Morgen weiter. Wir haben am Abend vorher viel gelernt über Kansas und die USA. Religion und Politik wurde in der Diskussion nicht ausgespart und natürlich auch nicht der aktuelle Präsident …

Mit einem Lächeln im Gesicht radeln wir auf den Highway und die Gastfreundschaft sollte kein Ende nehmen. Unterwegs fragen wir kurzfristig einen Warmshowers-Gastgeber an, nachdem wir merken, dass wir heute keine großen Sprünge mehr machen. Unser Gastgeber ist selber unterwegs auf Radtour in einem anderen Staat und kann uns leider nicht treffen. Kurz nach dieser vermeintlichen Absage schickt er uns allerdings den Zugangscode für seine Garage und sein Haus uns lädt uns ein: „Make yourself at home“. Wir sind geplättet von dieser Offenheit und bedingungsloser Gastfreundschaft. Wir holen uns eine Riesenpizza und haben ein ganzes Haus für uns alleine – nicht lange, dann kommt der Onkel unseres Gastgebers, um uns ein Sixpack Bier und frische Maiskolben vorbeizubringen. Wir erzählen wieder die halbe Nacht und stehen noch heute in Kontakt.

Am nächsten Morgen fällt es uns schwer aufzustehen. So schön wie diese grandiosen Abende auch sind, sie kosten uns auch viel Energie. Wir fragen per SMS, ob wir noch einen Tag bleiben können und werden eingeladen, so lange zu bleiben wie wir wollen – wir können uns nur fragen, wie wir das alles verdient haben und nehmen uns vor, irgendwann auch solch grenzenlose Gastfreundschaft an den Tag zu legen. Der entspannte Tag auf de Couch sollte uns mit all der Energie versorgen, die wir noch bis NYC brauchen.

Je weiter wir Richtung Osten kommen, umso grüner wird Kansas aber auch umso hügeliger (es gibt immerhin 6 Staaten, die flacher sind als Kansas). Schon seit längerem fallen uns die vielen deutschen Namen an den Häusern auf und viele Menschen erzählen uns von ihren deutschen Wurzeln. Wir fragen uns, was die Leute früher in die Prärie gezogen hat, die so anders ist als ihre Heimat. Der Osten von Kansas sieht hingegen auf einmal sehr europäisch aus (nicht so wie Neuseeland – eher kontinental) und uns wird bewusst, wie sehr wir doch auf dem Heimweg sind. Auf einer Baustelle sind mehrere amische Familien beschäftigt, deren Kinder uns beim Vorbeifahren zuwinken. Die großen Grundstücke sind weiß umzäunt und wir nähern uns merklich Missouri.

 

Bevor es in den nächsten Staat geht, feiern wir den nächsten Meilenstein: 26000 km – das wird knapp mit den 30000 Kilometern bis wir wieder zu Hause sind.

 

Danke für das Warten und trotzdem Lesen dieses Beitrags. Der nächste wird nicht so lange auf sich warten lassen. Wir wünschen euch noch keine Frohe Weihnachten, bis dahin kommt mindestens noch der nächste Beitrag.

In diesem Sinne: Macht was draus.

 

Etappen:

Eads – Tribune: 102 km

Tribune – Dighton: 127 km

Dighton – Alexander: 86 km

Alexander – Lyons: 130 km

Lyons – McPherson: 64 km

McPherson – Cottonwood Falls: 110 km

Cottonwood Falls – Waverly: 93 km

Waverly – La Cygne: 102 km

 

PS:

Kleiner Exkurs zu Pop vs. Soda – Wo nennt man die zuckrigen Getränke wie in den USA?

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