USA IX – New York: You ate the whole thing???

09.08.2017 – 21.08.2017

Wir hoffen ihr seid gut ins neue Jahr gekommen. Für mich stand zwischen Weihnachten und Neujahr mit der Festive500 mal wieder etwas Radfahren auf dem Programm, Toni hält sich neuerdings mit Yoga fit. Wir laden euch ein, zu unserem letzen Bericht aus den USA, vom vierten Kontinent unserer Tour – kurz vor dem Flug nach Europa. Damit verbleiben nicht mehr viele Kapitel unserer Geschichte, doch bevor wir wehmütig werden, ab nach Upstate New York.


Wir strecken uns gähnend in unseren Komfortsesseln, als der Amtrak gemächlich in unseren Zielbahnhof einrollt. Mit einem Zischen öffnet sich die Gepäckluke und unsere Stahlrösser setzen den Gummi der Reifen auf den Boden eines neuen Staates. Buffalo, NY erreichen wir ausgeruht, nachdem wir trotz unseres hektischen Check-Ins in Chicago doch noch Ruhe gefunden haben. Wir fühlen uns, als ob wir in einem anderen Land angekommen sind, hier im Norden der Ostküste, unweit der Niagarafälle und der kanadischen Grenze.

Erstmal ne New York Style Pizza – so sieht unser Plan aus. Wir halten und überlegen eine Pizzeria zu betreten, als wir von zwei Mitgliedern der American Legion, einer Veteranenorganisation angesprochen werden – kurzerhand werden wir auf ein Bier eingeladen. Ein Wohltätigkeitsprojekt, das die Legion gerade betreut hat, ist ein Bike Hub unweit des Clubhauses, hier gibt es eine öffentliche Toilette, einen Trinkwasserspender und Fahrradwerkzeug zur allgemeinen Verfügung. Das Teil ist brandneu und uns wird die Ehre zuteil, das Ding offiziell einzuweihen, inkl. Pressefotos mit einer Lokalpolitikerin, die auch in der Legion engagiert ist. Am Ende bekommen wir ihre Telefonnummer, nur für den Fall, dass wir Hilfe brauchen (vllt. erinnert ihr euch an unsere Begegnung in Aserbaidschan – solche Nummern sind Gold wert).

Wir sind fix und fertig und finden ein nettes Plätzchen neben dem Erie Kanal, uns erwartet eine ruhige Nacht im Zelt.

Die vielen, kurzen aber intensiven Treffen lassen uns die Strecke durch New York in guter Erinnerung behalten. Wir kommen am deutschen Wurst- und Bierfestival vorbei, leider einen Tag vor Eröffnung – hier würden wir bestimmt gut ankommen, dafür aber einen ganzen Tag zu warten ist uns zuviel. An einem der Stände weht sogar die brandenburgische Fahne.

Am zweiten Tag entlang des Erie Canal Trails, treffen wir Al und Dave, zwei Kanadier auf dem Weg nach Albany, der Hauptstadt des Staates New York. Es war schon Abend und kurz vor Sonnenuntergang, wir fuhren durch ein geschäftiges Städtchen, so ging das nun schon die ganze Zeit, kaum eine Gelegenheit zu zelten – da erspähen wir ein Zelt neben einem Bootsliegeplatz auf der anderen Flussseite – unsere letzte Chance, wenn wir nicht durch die Dunkelheit fahren wollen. Auf den Grünflächen der Marina dürfen Bootsfahrer gegen eine geringe Gebühr campen und die sanitären Anlagen nutzen, aber: ausnahmslos Bootsfahrer. Unsere neuen kanadischen Freunde, die wir neben der Tankstelle auf halbem Weg zum erblickten Zelt getroffen haben, hatten das ganze schon geklärt – aus dem Internet kurzerhand irgendeine Bootsnummer kopiert, schon konnten die Formulare ausgefüllt werden und alle waren zufrieden – wir haben unser Zelt dann einfach daneben gestellt.

So viel wie die letzten Wochen, sind wir im ganzen letzten Jahr nicht mit anderen Radlern zusammen gefahren. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus und wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Aber manchmal, so wie jetzt mit Al und Dave ergibt sich alles ganz organisch, wir fahren unabhängig voneinander los, treffen uns unterwegs und fahren zusammen weiter – kein Problem, auch wenn unsere Mitradler schon im fortgeschrittenen Semester (70) unterwegs sind – umso mehr gibt es zu erzählen.

Abends werden wir zur Pizza eingeladen, Wagenrad NY-Style, endlich und es sollte nicht die letzte sein.

Zusammen feiern wir unseren 27000 km Meilenstein. „Eagles bring freedom“ so haben wir es von Ben in Missouri gelernt. 😉

Fahren wir längere Zeit in einer Gruppe, freuen wir uns danach umso mehr auf unsere wiedergewonnene Freiheit – das klappt aber auch anders herum: wir freuen uns immer, neue Leute kennenzulernen und wenn dann auch die gemeinsame Reisegeschwindigkeit passt: Tiptop. Unsere beiden Mitradler eröffnen uns zusätzlich immer auch die kanadische Perspektive auf die USA, das macht das Erlebte umso nachhaltiger und wir diskutieren abends vor dem Zelt viel über Politik. Eine größere Gruppe funktioniert manchmal auch gut als sozialer Katalysator, so wie auf dem ukrainischen Volksfest, bei dem wir kurzerhand stoppen – viele solcher Gelegenheiten lassen wir links liegen, wenn wir zu zweit unterwegs sind und Kilometer machen wollen.

Und irgendwo finden wir immer ein Plätzchen, auch zu viert. So werden wir bspw. auf unsere Frage in der lokalen Bibliothek nach einem Campground, zum Zelten in den eigenen Garten der Bibliothekarin eingeladen. Für uns hat sich die Existenz von Public Libraries bisher sowieso als sehr vorteilhaft erwiesen, gibt es hier doch Computer, Drucker, Trinkwasser und Toiletten.

Kurz vor Albany heißt es Abschied nehmen von Dave und Al. Es gibt viel zu organisieren und es ist nur noch ein Katzensprung bis NYC. Alleine der Klang der Namens: NEW YORK CITY. Boah, wir haben Schiss, sind aufgeregt und gleichzeitig zutiefst dankbar. Ganz ähnlich wie damals in Singapur. Oft erinnern wir uns an eine Ausstellung in der Albertina in Wien, die wir in den ersten Wochen dieser Tour besucht haben (wie ein anderes Leben), damals wurden zwei Künstlerleben um die Jahrhundertwende verglichen, beide Künstler waren auf ihren Reisen in New York. Wir haben immer tief gestapelt und erzählt Singapur, bzw. Neuseeland sei das Ziel, aber allerspätestens in Wien war Toni und mir (vor allem mir) klar, dass diese Reise niemals vollständig sein würde, wenn sie nicht in NYC endet (es gibt zwar noch einen Epilog durch Europa, aber unsere Reise endet im Big Apple).

Ein paar Kilometer sind es trotzdem noch, ein Highlight ist unser Treffen mit zwei chinesischen Reiseradlern, mit denen wir an einer Schleuse zelten. Die beiden waren genauso lange unterwegs wie wir, hatten aber natürlich eine ganze andere Reise (und auch Route), gerade vor ein paar Tagen sind sie von Paris nach New York geflogen und haben vorher den Sommer über Europa erkundet. Der spannende Abend endet mit gegenseitigem Angeben, wie viele Vokabeln man unterwegs gelernt habe(unsere chinesischen Vokabeln verstehen sie sogar nach einigen Anläufen 😀 ) und Geschichten aus Deutschland aus der Sicht zweier Radler aus dem Reich der Mitte.

Es läuft bei uns. Nachdem wir den Erie Canal verlassen und auch mal Straße fahren, kommen wir besser voran. Wir belohnen uns mit einer riesigen Pizza in der Tanke (5$), das Ding ist etwa so groß wie Toni und der Kassierer fragt uns als wir den Karton zurückgeben erstaunt: „You ate the whole thing?“. Wir wollten gerade aufstehen und uns zu den Rädern rollen, als ein Typ in die Tanke kommt und uns fragt ob uns die Fahrräder draußen gehören. Auf unser yes zückt er seine Brieftasche, knallt nen Tenner auf den Tisch und geht wortlos seiner Wege. Wir schauen uns kurz verdutzt an, bevor Toni aufspringt und hinterher rennt, um sich zu bedanken.

In Albany erwartet uns ein Warmshowers-Host, der auch die nächste Tagesetappe mit uns radeln sollte. Zusammen campen wir in den Wäldern um das legendäre Barts College.

 

Wir sind noch zwei Tagesetappen von unserem Ziel entfernt und die Gegend wird zunehmend urbaner. Motels sind außerhalb unser finanziellen Möglichkeiten und keine Zeltgelegenheit in Sicht. Wir sind undercarbed und fangen an uns zu streiten. Links abbiegen, den Berg hoch und dort auf ein Waldstück hoffen? Oder lieber weiter geradeaus auf unserer Route fahren, es wird gleich dunkel. Ich fahre vor und gebe natürlich Toni die Schuld (Toni ist in der „Wir-zelten-einfach-irgendwo-Stimmung“, die kommt wenn es lange am Stück klappt). Im Rückspiegel sehe ich einen dicken Mercedes, der langsamer wird, als er an uns vorbeifährt und auf einmal senkt sich das Fenster…

Wir hatten ja schon einige solche Situationen und unsere Stimmung hebt sich schlagartig. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: vor uns liegt eine Nacht, an die wir noch lange denken sollten. Wir stellen vor – die gediegenste Unterkunft unserer Reise: „The Barn“. Das Teil ist in diversen Architekturmagazinen zu finden, deshalb gibt es hier ein paar Bilder zu sehen (normalerweise stellen wir Bilder von den häusern unserer Gastgeber nie online).

 

In vielen Nächten war unser Zelt unser Palast. Gastfreundschaft erwärmt auch das kälteste Zimmer, das wissen wir alles, trotzdem kriegen wir das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Toni hatte Recht (wie immer): ein bisschen Vertrauen und schon läuft alles von selbst.

Was für ein Abschluss für das Land der Gastfreundschaft – und wir sind noch lange nicht fertig. Nur eine Tagesetappe (vorbei an Sleepy Hollow) trennt uns noch von NYC.

Als wir nach Istanbul, Teheran und Tbilisi reinfuhren (die Top 3 der schlimmsten Stadteinfahrten), haben wir immer gedacht, NYC wird viel krasser. Dasselbe dachten wir in Bangkok, Hanoi, Singapur usw. tatsächlich gehört unser Weg zu den entspanntesten Stadtdurchfahrten auf unserer Reise, super easy. Wir fahren auf einem Kanalradweg in die Stadt und durch einen kleinen Park, der in der Bronx endet. Und plötzlich sind wir da – unbeschreiblich. Über uns rollt die Subway, irgendwo kommt Dampf aus der Straße und dann sind da wir mit unseren bepackten Rädern und California / Colorado Nummernschildern – nur ein weiteres Paar verrückte Vögel in dieser abgefahrenen Metropole.

Nach einer Fahrt durch den Central Park und ein paar obligatorischen Fotos am Times Square geht es in Richtung Brooklyn. Wir fahren zwischen den Wolkenkratzern entlang und ich denke: Nie wieder kann ich eine Ansammlung von Häusern außerhalb von NYC je wieder als Stadt bezeichnen.

Im Szeneviertel Brooklyn wartet unsere Warmshowers-Gastgeberin, was Gastfreundschaft angeht setzen die USA immer noch einen drauf. Vor uns liegt der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

Bevor wir das gute Leben genießen können, heißt es Fahrradkartons für den Flug besorgen, mit der Hilfe unserer Gastgeberin kein Problem. Wir klappern die Radläden ab, zufällig ist Jens Voigt in der Stadt, leider haben wir uns immer kurz verpasst (Januar 2018: Kleine Anmerkung am Rande – das zieht sich durch unser Leben. Grade erst gestern waren wir beim Sechstagerennen in Berlin und haben ihn wieder um einen Tag verpasst.). Das Highlight ist unser Zeltplatz: Unweit des East Rivers zelten wir in Brooklyn im Hintergarten unserer Gastgeberin. Auf der anderen Seite des Flusses ist die Skyline New Yorks – ein unvergesslicher Anblick.

Am nächsten Tag heißt es ab nach China Town und Little Italy. Als alter Ökonom muss ich natürlich auch zur Wall Street und zur NYSE.

Wir nehmen uns Zeit, um das 9/11 Memorial auf uns wirken zu lassen. Eine Pause brauchen wir sowieso, durch unsere Adern fließt Cold Brew (Refill für 50 Cents ;-).

Unser letzter Blick gehört der Freiheitsstatue hier am Wasser, zwischen uns und der Heimat liegt nur noch der Atlantik. Vor 3 Monaten ging es über den pazifischen Ozean nach San Francisco – der Kreis schließt sich, dass muss anständig gefeiert werden, zwar haben wir keine 15$ für ein PBR (sonst das billigste Bier auf der Karte) in Brooklyn aber im Späti gibts top Craftbeer.

Wir wohnen bei zwei der wenigen New Yorker mit eigenem Auto (zu unserem Glück spielt unser Gastgeber Kontrabass und braucht daher eins). Im SUV werden wir zum JFK Airport gefahren, noch entspannter kann es gar nicht laufen. Allerdings hatten wir nicht mit der Gepäckannahme gerechnet. Die Dame am Schalter will unsere Taschen nicht einchecken – keine Softbags, nur Hartschalenkoffer. Unser Trick ist es ja, all unsere Fahrradtaschen in eine große chinesische Plastiktasche zu quetschen und so jeder ein einziges Gepäckstück aufgeben zu können. Dafür jetzt mitten im Flughafen noch schnell zwei riesige Koffer finden zu müssen, in die alle Taschen passen, ist keine schöne Aussicht. Wir bleiben halbwegs entspannt (ok, das ist eine Lüge) und finden zum Glück einen Kompromiss – wir lassen unsere Taschen folieren und dürfen sie dann trotzdem mitnehmen. Mit einem neuen Dreamliner geht es entspannt in nur 7 Stunden nach London – Pubfood, here we come.

So endet unsere Reise.

Was jetzt noch kommt ist der Epilog. Wir haben noch ein paar andere „Kreise“ zu schließen und Freunde warten auf unseren Besuch. Natürlich werden wir euch auch diese Geschichten nicht vorenthalten, in diesem Sinne:

Macht was draus.

D+T, Love and Lycra

 

Etappen:

Buffalo – Gasport: 84 km

Gasport – Rochenelle Basin: 120 km

Rochenelle Basin – Port Byron: 94 km

Port Byron – Green Lakes: 74 km

Green Lakes – Little Falls: 130 km

Little Falls – Albany: 122 km

Albany – Tivoli: 91 km

Tivoli – Garrison: 102 km

Garrison – NYC: 106 km

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