Deutschland – Heimkehr: Macht was draus

Diese Zeilen entstehen mal wieder in der S-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, an einem Freitag im Juni 2018 – am Wochenende steht eine längere Rennradtour an. Da sind wir also in Deutschland – angekommen, mit Jobs, Versicherungen usw. Als diese Zeilen entstehen, würde ich unser Ankommenslevel bei 80% verorten. Eine Wohnung zu finden, ist in Berlin gar nicht so einfach und bevor wir nicht unsere Räder in unser eigenes Wohnzimmer schieben und unser Zelt an die Wand stellen, sind wir noch nicht wirklich angekommen. Also weiter in diesem Zwischenstadium, das uns schon früher so genervt hat. Unterwegs konnten wir im Hier und Jetzt leben. Über all das werden wir im nächsten Post (dem letzten zu dieser Reise 🙁 ) berichten. Doch erst einmal reist mit uns gedanklich zurück zu den letzten Tagen unserer Tour….


06.09.-14.09.2017

Wir wachen nach einer kurzen Nacht in unserem völlig durchnässten Zelt auf. Mittlerweile sind alle Eingänge kaputt. Statt mit Reißverschlüssen werden die Zeltwände mit Klammern zusammengehalten. Wir haben das Zelt im Halbdunkeln in den Wald neben der Straße gestellt, den angekündigten Campground konnten wir nicht finden – pleite sind wir sowieso. Alles tut uns weh, wie verkatert stehen wir auf – als ob grad etwas Großes passiert ist und über uns hinweggefegt ist. Heute reisen wir nach Deutschland ein, dessen Grenzen wir 1,5 Jahre verlassen haben, ohne zu wissen ob oder wann wir wiederkehren.

Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, als wir unbemerkter Weise die Grenze zu Österreich überfahren haben. Dieses leichte Schaudern am Rücken und den metallischen Geschmack von Abenteuer im Mund werde ich tatsächlich nicht vergessen. Losgefahren sind wir Richtung Osten. Jetzt kommen wir von unseren westlichen Nachbarn nach Hause.

Für die letzten Tage erwartet uns das gleiche Programm wie auf dem Hinweg. Wir fahren die gleiche Route und besuchen die gleichen Verwandten – nur dass ich jetzt ein bisschen bärtiger bin.

Das Bild oben nehmen wir in einem Industriegebiet vor einem stahlverarbeitenden Betrieb auf. Vor 1,5 Jahren waren wir schon mal da und haben das nächste Foto geschossen, das lange die Titelseite dieser Website verschönerte.

Damals war uns absolut klar dass wir, sollten wir zurückfahren, genau hier vorbeikommen und genau dieses Foto erneut machen werden. Natürlich regnet es. Wir erinnern uns, solchen Ritualen nicht zu viel Bedeutung zuzumessen, Schmuck am Nachthemd und Opium fürs Volk – das Bild machen wir trotzdem 🙂

Nach der wunderbaren Gastfreundschaft beim ersten Teil der Familie und emotionalen Wiedersehen geht es für einen Teil der letzten Strecke in den Zug. Jetzt schummeln wir doch noch. Aber egal, wir entscheiden uns dafür, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können und einen Termin einzuhalten haben wir auch: die Hochzeit von Freunden und damit auch das große Wiedersehen mit unserem ganzen Freundeskreis.

Unsere erste Radreise zu zweit ging nach Bünde (dort lebt meine Mutter), die hat damals drei Tage gedauert und wir mussten am Ende trotzdem den Zug nehmen. Damals haben wir in Pensionen geschlafen, die wir telefonisch buchen mussten. Vier Taschen am Fahrrad und nicht mal nen Zelt dabei. Der Prolog dieser Reise ging auch nach Bünde – so schließt sich der Kreis. Diese nächsten Zeilen (der zweite Teil) entstehen auf der Rückfahrt von der oben erwähnten Rennradtour im Juni 2018 – dieses Mal bin ich die 380 km bis Bünde mit dem Rennrad am Stück gefahren und an allen Orten vorbeigekommen, die wir damals und auch noch früher schon mal besucht haben. Deshalb passte es heute perfekt von diesen Tagen zu berichten.

Unser letzter Morgen auf Tour beginnt in Magdeburg im Zelt. Die Sonne weckt uns, die Türen brauchen wir nicht öffnen – sind ja schon offen. Wirklich schnell kommen wir nicht in die Hufe. Tobias, der mich zum Radreisen gebracht und uns auf der ersten Etappe vor 1,5 Jahren begleitet hat, ist auf dem Weg von Berlin und schon fast da, bevor wir überhaupt im Sattel sitzen.

Tobias hat Pfeffi dabei, ich kleine Titanbecher – wir machen eine kurze Pause und stoßen auf das Abenteuer an und auf die Freiheit.

Passenderweise ist Tobias dabei, als wir die 29000 km voll machen. Warum nicht 30000 fragt ihr euch? Weil wirs können!

Wir sind erfüllt von tiefer Dankbarkeit, dass alles so unfassbar gut geklappt hat und für die Unterstützung, die uns von so vielen Leuten entgegengebracht wurde. Aber dieser letzte Tag on the road bedeutet auch, dass die Reise jetzt vorbei ist. Um all diese Gefühle einordnen zu können, sind wir eh zu überfordert. Wir werden aus unseren Gedanken gerissen, als ein Vorauskommando unserer Freunde uns abfängt und in einen Irish Pub entführen.

Unsere Ankunft in Berlin verzögert sich bis in die späten Abendstunden. Völlig fertig liegen wir bei Tonis Oma in unseren frisch gemachten, duftenden Betten in einem Haus aus Stein, unsere braungebrannte Haut hebt sich von der weißen Bettwäsche ab. Unsere Reise ist zu Ende. Meine Fresse, dass wir so weit gekommen sind.

 

The world behind and home ahead,
We’ll wander back to home and bed.

Etappen:

Otterlo – CP bei Bocholt (natürlich schauen wir auch bei Onkel Erwin vorbei 😉 ) : 104 km

CP bei Bocholt – Menden: 111 km

Menden – Münster: 77 km

Münster – Bünde: 88 km

Braunschweig – Burg: 110 km

Burg – Berlin: 145 km

 

Kilometerstand nach 18 Monaten: 29045 km

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