Deutschland – Heimkehr: Das Ankommen

Willkommen zu unserem letzten Beitrag. Der Beitrag, der uns am meisten Gehirnschmalz gekostet hat. Wo sollen wir anfangen? Dieser Beitrag ist das letzte Glied der Kette der Ereignisse, die unser Ankommen darstellen. Wenn ihr das lest, sind wir wieder da – zu 100% – es gibt kein Zurück. Wir sind voll im Alltag integriert mit allen Annehmlichkeiten und Verpflichtungen, mit aller Routine und allem Fernweh.

Wie das geklappt hat, seitdem wir unsere Räder in Omas Garage geschoben haben (ihr erinnert euch an den letzten Beitrag?), davon sollen diese Zeilen handeln.

Wir erreichen Berlin im frühen Herbst 2017, es fühlt sich eher an wie Spätsommer. Ein Spätsommer nach 1,5 Jahren Sommer, der nur von unserer kurzen Neuseelandetappe unterbrochen wurde. Für uns erscheint es passend, dass nun die dunkle Jahreszeit vor der Tür steht. Die Zeit bis zu den Jahresendfeierlichkeiten vergeht wie im Flug. Weihnachten bei der Familie kommt uns vor, als ob wir nie weggewesen wären. Die Zeit um die Jahreswende ist ja immer auch eine Zeit, um inne zu halten und Bilanz zu ziehen. Und was für eine Bilanz wir ziehen können! Dass wir 29000 km so reibungslos durchfahren konnten, ist schon grandios und auch menschlich steht viel auf der Habenseite – wir haben viele Kulturen und Völker von ihrer besten Seiten erlebt – von ihrer Allerbesten. Ob diese Bilanz eine Aussage darüber erlaubt, ob unsere Erwartungen an die Tour erfüllt wurden oder nicht, das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht – dafür sind wir viel zu überwältigt von allem. Umso mehr gilt es deshalb, die Festtage unter Familie und Freunden zu genießen.

Für Toni ging es am 1. Oktober gleich wieder an den Schreibtisch. Mit ihrem Arbeitgeber war von Anfang an abgesprochen, dass sie nach spätestens 1,5 Jahren wiederkommt. Zuerst fanden wir die Vorstellung, zeitlich so gebunden zu sein, eher lästig. Aber je näher die Heimkehr rückte, desto froher waren wir über dieses Arrangement. Wir wussten, dass wir schnell wieder auf eigenen Beinen stehen könnten, Toni brauchte sich keine Sorgen um Bewerbungen und Jobangebote machen. Tatsächlich wurde sie von ihren alten und neuen Kollegen herzlich empfangen und ist bis heute glücklich in ihrer Firma.

Besser oder schlechter?

Für Daniel heißt es Neustart bzw. überhaupt erst mal starten. Mit dem mehr oder weniger frischen Masterabschluss geht es auf Jobsuche, da muss man erstmal ein Netzwerk aufbauen, Veranstaltungen und Konferenzen abklappern und schauen, was in Berlin so geht. Auch sonst nehmen wir in der ersten Zeit alles mit, was Berlin an Events so zu bieten hat.

Das neue Jahr beginnt für mich mit zwei Neuerungen: Zum einen beginnt gleich im Januar ein Praktikum im Sales und Marketing bei der Berliner Fahrradschau und passender (aber natürlich auch ziemlich unvernünftiger) Weise habe ich mir einen frischen Carbonrenner gegönnt. Sportliche Ziele (ich Rennrad fahren, Toni Yoga) waren für uns am Anfang essentiell, um bei allen anstehenden Veränderungen nicht völlig verrückt zu werden.

Finanzen.

Ein neues Rennrad bezahlt sich nicht von alleine, der Kühlschrank füllt sich auch nicht ohne Bares. Wir hatten das große Glück, dass uns unsere Familie immer wieder aufs neue unterstützt. Den ersten Monat nach der Ankunft müssen wir ohne eigenes Geld durchstehen. Da springt Tonis Oma großzügigerweise ein und hält ihre neuen Mitbewohner eine ganze Zeit lang aus, wofür wir sehr dankbar sind.

Mit der Fahrradschau entscheide ich mich für ein hochspannendes aber zeitlich begrenztes Projekt – ein Einstieg auf Raten, der das Ankommen erleichtert. Aber mal abgesehen davon, Fahrradschau, wie geil ist das denn?

Das beste: die nächsten drei Monate beschäftige ich mich mit der schönsten Nebensache der Welt – Radfahren.

Tatsächlich sollte diese Zeit auch stressig werden. Die größte Fahrrad-Lifestyle-Messe Europas mit 15000 Besuchern organisiert sich halt nicht von selbst. Die Action und die Schlagzahl, mit der wir Aktionen geplant und durchgeführt haben, erinnerte mich sehr an das unterwegs sein – und schon kommen einem drei Monate wie eine lange Zeit vor. Während der Messe wohne ich im Hotel und wenn ich nachts von einer verrückten Aktion zurück kam, fragte ich mich nicht nur einmal: Wie bin ich hier her gekommen? Gefühlt letzte Woche habe ich noch in den USA in der Wüste geschlafen.

Die Arbeit hat sich ausgezahlt und die Messe wird ein voller Erfolg.


Mit unserer Rückkehr hatten wir uns vorgenommen, unser Umfeld nicht zu sehr mit Anekdoten von unterwegs zu nerven und ständig die weitgereisten Radfahrer heraushängen zu lassen – gar nicht so leicht, fällt uns doch wirklich zu jeder Vorlage eine Geschichte ein. Insgesamt halten wir uns an den Plan, was dazu führt, das wir ziemlich schnell zur Tagesordnung übergehen. Im Rahmen der BFS hatten wir auf einmal richtig viel über die Reise zu erzählen, so sollten wir einen Vortrag über unsere Tour halten und bekamen den letzten Slot für eine Präsentation am Sonntag, dem letzten Tag der Messe und es blieb kein Stuhl leer, als wir vor großem Publikum von der Reise erzählten – yes! Das war genau das, was wir gebraucht hatten, nach sechs Monaten zu Hause: eine große Bühne und die Möglichkeit alles zu rekapitulieren und richtig zu verarbeiten.

Doch es kommt noch besser. Im Rahmen der Berichterstattung um die BFS ruft der Rundfunk Berlin Brandenburg eine Themenwoche zum Fahrrad aus und möchte uns zum Thema Radreisen interviewen.

Das ganze soll im Rahmen eines Vorabendmagazins stattfinden, vom dem wir noch nie gehört hatten. Als uns dann der rbb-Sprinter abholte und wir in der Maske warteten um professionell geschminkt zu werden, merken wir, dass wir das Ganze etwas unterschätzt haben.

Unser Wunsch war, dass die Profis vom Fernsehen die Schnipsel, die wir auf Tour laienhaft gefilmt haben, zu einem kleinen Trailer zusammen schneiden. Das hat das rbb-Team gemacht und zeigt uns das Ergebnis kurz vor der Live-Show. Mann, werden wir rot. Einfach alles wird cooler, wenn man epische Musik dazu spielt 😉

Hier gehts zur RBB Mediathek

Dort könnt ihr euch das Ergebnis angucken (auch das der Schminkprofis in der Maske 😉

 

 

Die Möglichkeit vor Leuten von unserer Reise zu erzählen war enorm wichtig für uns und ein zentraler Schritt des Nachhausekommens. Genauso gut ist es Leute von unterwegs wieder zu treffen. Unsere Freunde aus Hamburg, Helmut und Sophia (twoinabillion) sind in Berlin und wir Lassen uns die Chance auf ein Gehopftes nicht entgehen:

Was uns immer noch fehlte, war die Möglichkeit endlich richtig auszupacken und unseren Kram im eigenen Schrank zu verstauen – dafür braucht man erst einmal eine Bleibe.

Der nächste Schritt dazu ist ein fester Job. Während meines Engagements bei der BFS war ich natürlich nicht untätig und habe mich halbwegs fleißig beworben. Weiß man erst wie der Hase läuft, klappen auch die Bewerbungsgespräche. So wartet nach der Fahrradmesse eine neue Herausforderung auf mich: 40h-Woche, Nine-to-five im Büro und die Aussicht, dies bis zum Ende meines Lebens zu machen. Aber auch neuer Input, intellektuelle Herausforderungen und die Gelegenheit, sich zu beweisen.

Nach 8 Monaten in Deutschland heißt es das erste Mal wieder Urlaub. Als erstes geht es nach London, da haben wir noch ein paar Rechnungen offen, Dinge die wir uns während der Reise für unsere Heimroute vorgenommen hatten – hatten wir doch hier unsere Füße zum ersten Mal wieder auf europäischen (mehr oder weniger) Boden gesetzt. An schlechten Tagen auf Tour haben wir uns oft vorgestellt, wie grandios die letzte Etappe unserer Reise werden würde – und natürlich sollte diese Strecke von unsere Lieblingsstadt starten, mit englischen Frühstück im Bauch. Tatsächlich waren wir, als wir das letzte Mal in London waren, nur gestresst, gejetlagt und zu überreizt, um alles zu verarbeiten. Also lag es nahe, dass unser erster kurzer Urlaub eben in die britische Hauptstadt geht.

Kaum waren wir gelandet, klingelt das Telefon: unsere zukünftige Vermieterin bietet uns an, in wenigen Wochen einzuziehen, in unser neues Heim in Berlin-Pankow. Läuft bei uns.

Das Fliegen und das Warten an der Immigration weckt Erinnerungen und tatsächlich erfüllt London alle Erwartungen, die wir an diesen Kurztrip gestellt haben.

Die zweite Urlaubswoche fand dann natürlich auf dem Rad statt – eine kleine Ostseerunde nach Polen. Das erste Mal für mehrere Tage wieder auf dem Rad zu sitzen war unglaublich gut und schmerzvoll gleichermaßen – das Fernweh hat gleich voll zugeschlagen. Aber auch die Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde, war sofort wieder da – in einem Supermarkt in Brandenburg wurde uns ohne Wenn und Aber ein Schlafplatz für die Nacht angeboten und mehrfach wurde uns Essen geschenkt – unglaublich und das obwohl wir halbwegs frisch geduscht waren und unser Equipment natürlich auch wieder auf Vordermann gebracht hatten. Auch wenn diese Tour nur kurz war, ist sie doch ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg des Ankommens. Wir hatten Zeit, die letzten Monate zu rekapitulieren und uns zu zeigen, dass wir es noch können.

Diese Tour war für uns deshalb auch so entscheidend, weil einfach das Timing stimmte. Ein dreiviertel Jahr nach unserer Reise waren wir angekommen. Die neue Wohnung in Sicht und ein neuer Lebensabschnitt grad am beginnen.

Unsere neue Wohnung mit einem Fahrradbild von einem Künstler aus Singapur:

Eine Sache galt es noch vorher zu erledigen, um den Kreis wirklich zu schließen:

2015: Toni und ich sind auf Radtour an die Ostsee, kurz nach den Klausuren, wir haben trotzdem wenig Zeit und fahren lange Etappen. Seit einigen Jahren planen wir nach dem Studium auf große Tour zu gehen, aber vom nötigen Budget keine Spur, das Studieren dauert länger als erwartet, die letzten Klausuren waren mäßig – wir sind frustriert und pedalieren uns den Frust von der Seele. Abends am Campingplatz (hier werden wir auch auf dem Rückweg von Polen zelten) treffen wir Henri aus Frankreich, er wollte 3 Tage in Berlin bleiben, daraus sind mehrere Wochen geworden – jetzt drückt auch ihn die Zeit, es geht Richtung Russland. Wir kommen ins Gespräch, erzählen, dass auch wir solche eine Grande Boucle planen und lassen ihn ins Sanitärhaus – er hatte natürlich nicht bezahlt und deshalb keinen Schlüssel. Am nächsten Morgen schließt er sich uns mit seinem Liegerad an und wir fahren gemeinsam Richtung Meer. In Zinnowitz verabschieden wir uns mit Pippi in den Augen, nach nur 12h intensiver Gespräche und Radelns (an Menschen, die man auf Tour kennenlernt, erinnert man sich wie langjährige Freunde) und gehen getrennte Wege.

Wir bleiben noch lange wach an diesem Abend und entscheiden, dass es von nun an keine Ausreden mehr gibt, wir ziehen das mit der Reise durch – und das haben wir Henri zu verdanken.

Wir bleiben in Kontakt und bekommen eine Postkarte aus der Mongolei, wo Henri eine junge Französin kennengelernt hatte und von nun an zu zweit unterwegs ist.

Am Tag vor dem Flug nach London treffen wir Henri aus Frankreich in unserer Lieblingkneipe in Berlin wieder, er kommt gerade mit dem Rad aus Australien und ist auf dem Rückweg nach Frankreich (zum ersten Mal seit 3 Jahren) zusammen mit seiner Freundin Julia. Die ersten zehn Minuten sind anstrengend, dann unterhalten wir uns, als hätten wir uns erst gestern getroffen. Wir erzählen, welchen Einfluss unser Treffen auf uns gehabt hat und nach ein paar Stunden mit Henri und Julia konnten wir zum ersten Mal die Reise wirklich abschließen (gleichzeitig hatte ich auch noch nie solch ein Fernweh 😉 ). Jetzt kann es nach London gehen, bevor ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Was haben wir gelernt auf und von der Reise?

Wir wollten nie eine Selbstfindungstour machen und uns war immer wichtig zu unterstreichen, dass unsere Reise nur ihrem Selbstzweck dient. Aber natürlich hat man unterwegs viel Zeit nachzudenken. Wir sind nicht der Meinung, dass man dafür eine lange Radreise machen muss – aber es hilft ungemein, viel Zeit im Sattel zu verbringen (Velosophie nennt man das). Wir haben beim Losfahren gehofft, als bessere Versionen unserer selbst wiederzukommen: sportlicher, selbstbewusster und zufriedener – tatsächlich haben wir das in allen Punkten erreicht – ohne Scheiß.

Das Leben hat es sehr gut mit uns gemeint, und nicht zuletzt sind es die Umstände, die es uns ermöglicht haben, für längere Zeit nichts anderes zu tun als Rad zu fahren. Die Privilegien, die wir genießen, haben uns das Ankommen sehr erleichtert. Nichtsdestotrotz lässt uns die Erfahrung mit wenig Geld weit zu kommen und im Prinzip immer losfahren zu können, Herausforderungen in unserem neuen / alten Leben entspannter meistern und das Bewusstsein, in stressigen Situationen bestanden zu haben, bringt eine Gelassenheit im Alltag mit sich, die wir sehr schätzen.

Der große Feind dieser Gelassenheit ist der Alltag und nur allzu schnell verliert man die schwer erradelten Einsichten. Wir mussten uns am Anfang  öfter selbst in den Arsch treten, um uns nicht zu sehr Stressen zu lassen oder um nicht zu „bequem“ zu werden. In alte Muster zu verfallen ist leicht und es erfordert Disziplin, sich nicht auf seiner faulen Haut auszuruhen und sich gehen zu lassen.

Uns ist unterwegs bewusst geworden, mit wie wenig wir zufrieden sind und dass wir gar nicht viel zum Leben brauchen. Auch so eine Tatsache, an die wir uns immer wieder erinnern müssen, ist doch die Versuchung ziemlich groß, wieder Kram anzusammeln.

Als Paar gehen wir gestärkt aus der Zeit „on the road“ hervor, das stand für uns aber eh nie im Zweifel, wir sind froh, dass wir diese Erfahrung teilen konnten.

Auf der Reise ging es nur um das Hier und Jetzt: essen, kacken, duschen. Wir hoffen mehr im Moment zu leben und das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren.

Unsere Beziehungen zu Familie und Freunden haben von der Reise nur profitiert, weil unsere Beziehung zu uns selbst besser geworden ist und weil  unsere Lieben über Social Media und diesen Blog mehr von uns gehört haben als im Alltag – das muss nicht so bleiben.

Gerade in der ersten Zeit unserer Rückkehr kamen uns Dinge, die uns früher sehr lang und nervig erschienen (z.b. einmal durch die Stadt mit der S-Bahn), nicht mehr so lang vor. Ein Monat im Arbeitsleben vergeht wie im Flug, während wir vorher in dieser Zeit Kontinente durchqueren konnten. Gefangen in der Routine, kommt einem die Zeit kürzer vor, während man bei der ungeheuren Abwechslung auf Tour, gefühlt Jahre unterwegs ist. Wir wollen keine Zeit verplempern und uns vor der Routine hüten.

Eine wichtige Erkenntnis, die wir immer wieder gerne betonen: Die Menschen sind überall gleich, haben die gleichen Sorgen und Nöte und sehnen sich nach den gleichen Annehmlichkeiten. Für uns ist die Welt kleiner geworden und gleichzeitig unendlich viel größer.

In diesem Sinne,

macht was draus.

Love + Lycra

D+T

Tipps zum Ankommen:

1. Neue sportliche Ziele / Ziele zum Reisen finden

2. Über die Reise erzählen, ohne sein Umfeld zu nerven

3. Radfahrer von unterwegs wieder treffen / Warmshowers Gastgeber werden

4. Die Geschichte zu Ende erzählen.

One Response to “Deutschland – Heimkehr: Das Ankommen

  • Grandioser Beitrag! Hab richtig Gänsehaut bekommen, vor allem bei dem Video! Es freut mich zu hören, dass ihr gut wieder angekommen seid, physisch und vor allem mental.
    Danke nochmal für euren Besuch in Chiang Mai, es war so toll euch zu sehen und eure Geschichten zu hören. Ich umarme euch fest!

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