Paris -Brest-Paris 2019 – Teil III: Druschba

Kurz ans Meer und dann zurück nach Paris.

Der Weg ans Zwischenziel zieht sich und ist durch die vielen Steigungen anstrengend. Aber he, danach gehts wieder nach Paris, das ist Motivation genug.

Das erste Schild mit der entgegengesetzten Richtung ist für mich dann auch besonderer Grund zur Freude.

Während der Abfahrt nach Brest ist mir der höchste Punkt der Strecke, der Roc’h Trévezel gar nicht weiter aufgefallen – jetzt geht es in die andere Richtung, erschwerend kommt hinzu, dass es tagsüber empfindlich heiß wird.

Chips und Cola bringen mich voran, die Stimmung sinkt oder besser gesagt die Anstrengung steigt parallel zum Quecksilber, rauf zum Roc’h Trévezel.

Nach wie vor hatten die anderen Randoneure und ich nicht das gleiche Tempo oder Fahrweise, sodass ich bisher ohne einen Mitfahrer auskommen musste. Das ändert sich in Loudeac, als ich Alex, Finanzmethematiker aus dem Süden Russlands treffe. Wir unterhalten uns prächtig – das ist wichtig, denn es wird langsam dunkel und etwas intellektuelle Ablenkung tut Not. Tatsächlich fliegen die ersten Kilometer nur so. Wir beide unterhalten uns auf Englisch aber Toni konnte bei der Gelegenheit auch gleich ihre neuerworbenen Russischkenntnisse über whatsapp zum besten geben (wir wollten ja eigentlich dieses Jahr in den Pamir deshalb hatte Toni in den letzten Monaten begonnen die Sprache der Towarischtsch zu lernen).

Mit Alex in die Nacht Richtung Paris und die Stimmung steigt: И лове велоспорт.

Unsere Russisch-Deutsche Fahrgemeinschaft ist dem guten Leben nie abgeneigt und wir nehmen die Gelegenheiten zum Kaffee und Bretonischem Kuchen immer gerne mit. Bis spät in die Nacht (oder besser bis in den nächsten Morgen) gibt es unglaublichen Support am Straßenrand: Vive la France.

Nicht nur bei uns macht sich Erschöpfung breit. Und dann ist da auch noch die Kälte von der Küste, die den Randonneuren in die Knochen zieht als wir uns die zweite Nacht dieser Tour um die Ohren schlagen. Entsprechend gut gefüllt sind mittlerweile die Checkpoints. In den Turnhallen kann man sich für ein paar Stunden hinlegen und nach Absprache von den freiwilligen Helfern wecken lassen: ein Lager voll mit Kriegsversehrten vom Kampf auf der Landstraße gegen sich selbst und das Zeitlimit.

Irgendwann ist alles egal, man legt sich hin wo man kann oder wo man eigentlich auch nicht kann. Es weht ein lauer Duft von Friedhof durch die Einrichtung, wenn man die Türen aus der kühlen bretonischen Nacht in die Zwischenwelt der Checkpoints aufschlägt.

Wir ziehen durch, zumindest noch ein Stück. Es beginnt eine Achterbahn der Gefühle:

Das Wachbleiben fällt immer schwerer. Unsere kurzen Stopps werden immer länger, die Erschöpfung und der Schlafmangel lassen die Kälte heftig werden. Ich trage alles was ich dabei habe und freue mich über die dicken Handschuhe. Einige Radlkollegen haben bei Sommer in Frankreich nicht an solche Temperaturen gedacht und sitzen zitternd neben der Straße. 20km vor dem eigentlichen Checkpoint stärken wir uns erneut mit Kaffee und entscheiden etwas zu entspannen. Alex ist nach kurzer Zeit kein Lebenszeichen mehr zu entlocken, ich lasse den müden Russen links liegen und schwinge mich erneut aufs Rad. Vor meinen geistigen Auge erhebe ich das imaginäre Vodkaglass zum Abschied: „Druschba – Auf die Freundschaft“. Ich hoffe er kommt durch.

Alles sieht anders aus wenn die Sonne aufgeht – irgendwie habe auch ich es durch die Nacht geschafft. Orangensaft und Baguette stillen zwar den Hunger aber um die Batterien richtig aufzuladen reicht es nicht. Mittelfristig brauche ich ne Pause.

Ich erreiche die Festungsstadt Fougeres und bin trotz aller Erschöpfung noch zu solchen lyrischen Perlen in der Lage:

Der Kilometerstand auf meinem Fahrradcomputer ist kurz davor vierstellig zu werden – das hatte ich auch noch nicht. Ich werde angemessen empfangen: in Villaines-La-Juhel wartet die bisher meisten Zuschauer, statt Kaffe wird mittlerweile Wein getrunken und es herrscht eine super Volksfeststimmung.

Es gibt alkoholfreies Bier aber ich bin anscheinend der einzige, der das Zeug trinkt denn die Helfer wissen nie was ich meine. Die französischen Randonneure helfen sich das ein oder andere bière pression rein. Alte Randonneursregel: immer von allem mindestens zwei bestellen.
Ich wollte mir auch ein Matratze in der Sporthalle sichern, zum einen, um mal wieder etwas runter zu kommen, zum anderen auch um die Erfahrung mal gemacht zu haben. Zuallererst gibt es eine wohltuende Dusche und dann ab in die ähm.. frischen Laken.

An Schlaf ist nicht wirklich zu denken, aber 2h zu ruhen bringt mich voran und ich merke, dass sich eine Hochphase ankündigt.

Das Schöne am Brevetfahren ist ja, dass es immer noch mindestens einmal richtig gut wird bevor es wieder schlecht wird oder vorbei ist – einfach weil die Strecke so lang ist. Ich merke wie die Stimmung steigt, der Tritt runder wird und ich die Schmerzen in Knie, Nacken, Knöcheln und am Arsch vergesse. Ich fahre zusammen mit netten Randonneuren aus San Francisco, wir unterhalten uns angeregt während die Abendsonne die Szenerie in ein magisches Licht taucht. Ballonfahrer sind unterwegs und die ganze Situation wirkt leicht entrückt.

Ein Sonnenaufgang bis Paris liegt noch vor mir, jetzt also zusammenreißen. Von meinen Freunden in Paris erreichen mich bereits Bilder der Champagnerauswahl – noch ist hier aber nichts ausgestanden.

Noch eine längere Pause ist nicht vorgesehen. Ich halte mich mit kürzeren Pausen an den Versorgungsstationen über Wasser.

Hier treffe ich auch Alex wieder. 1100km stehen auf der Uhr und meine Knöchel sehen aus wie kleine Melonen über meinen Radschuhen. Alex hat eine russische Pferdesalbe dabei, die wahre Wunder wirkt. Wir entscheiden unsere Stahlrösser erneut gemeinsam durch die kalte Französische Nacht zu reiten.

Von dem, was dann folgt gibt es keine Bilder – ich hätte wahrscheinlich die Taste vom Auslöser eh nicht gefunden.
Alex verliere ich recht schnell. Ich verwechsel ihn mit einer gelben Sicherheitsbarke am Straßenrand – die gleiche Farbe wie unsere Uniform, die gelbe Randonneursweste. Das war nicht der letzte Streich, den mir meine Wahrnehmung spielen sollte: ich fahre in der Nähe von anderen Radler um 3 Uhr nachts und höhre plötzlich Kindergeschrei (vermutlich nur Geräusche des Fahrradantriebs, dass mein Gehirn nicht zuordnen und dann durch das nächst evolutionär relevante ersetzt: Kindergeschrei). Ich sehe ständig die Silhouetten von Randonneuren am Straßenrand, die sich dann als Büsche herausstellen. Beim Hinsetzen halte ich die Schatten für kleine Schlangen und meine Mitfahrer berichten mir von ähnlichen Erfahrungen.

Mit kleinen Pausen viel Kaffee und Kuchen aber auch mit einer gewissen Portion Dickköpfigkeit und Ignoranz komme ich weiter. Eine Pause bleibt mir besonders in Erinnerung: wir sitzen im Kreis bei einer kleinen Kaffestation, betrieben von Freiwilligen, 8 Randonneure sitzen im Kreis und verlieren abwechselnd kurz das Bewusstsein – nur um dann mit den schweren behelmten Köpfen nach vorne zu fallen. „Anfänger“ denke ich mir, das wird mir nicht passieren und reihe mich ebenfalls in das kuriose Ritual ein.

1,5h später wache ich panisch auf und suche mein Rad um ja nicht noch aus dem Zeitlimit zu fallen.

ich hab mich selten so über einen Sonnenaufgang gefreut.

Mit jedem Meter, den die Sonne am Horizont aufsteigt wird es wärmer und die Sonnenstrahlen vertreiben die Überbleibsel der Nacht aus dem geschundenen Randonneurskörper.

Ich werde schneller, der Tacho zeigt wieder über 30 und ich rase an dutzenden Randonneuren vorbei und keule nach Rambouillet – ein Traum.

Im Ziel warten Toni und Tobias mit lokalen Craftbeer und dem Siegerchampus. Die Stimmung ist grandios aber auch schon wieder ziemlich bekloppt. Wir sitzen mit deutschen Randonneuren um das Wohnmobil eines Bekannten: alle greifen daneben, setzen sich versehentlich neben ihre Stühle, verschütten ihre Getränke – alle völlig raus. Ich frag Toni ob ich meinen Helm noch aufhabe, ich kann es nicht sagen, es fühlt sich aber so an.

Ich komme nach knapp 87:30h ins Ziel. Dafür, dass vor kurzem gar nicht klar war, ob ich zu PBP darf, bin ch super zufrieden – Hauptsache die Medaille hängt um meinen Hals.

Die nächste Tage heisst es ausspannen. Erstmal geht aber gar nichts mehr. Es ist früher Nachmittag. Ab ins Hotel. Ich schlafe bis Mitternacht, stehe auf, esse eine halbe Pizza die am Fußende auf mich wartet, putze die Zähne (versehentlich mit Voltaren) und lege mich nochmal 12h hin.

Toni hat bei der Apotheke allerhand Salben geholt, die Apothekerinnen wussten mit PBP etwas anzufangen und haben die Salbe für Verbrennungen empfohlen.

Ich besorge mir noch ein Andenken, dass unter die Haut geht. Dann los zum nächsten Ultra-Endurance-Event: 4,5h „The Cure“, live beim Rock en Seine Festival – Was soll’s, ich bin ja im Training.

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