Iran I: Hello Mister, where are you?

12.08-14.08.206

Oh Mann, Iran! Die letzten Wochen und Monate war Iran immer noch so weit weg. Jetzt sind wir wirkich da. Das Schlimmste vorweg, es gibt auch hier Minions und das nicht zu knapp.
Der Grenzübergang war einer der einfachsten bisher, wir mussten ein paar Angaben machen, dann hieß es: „Welcome to Iran“. Astara war auf der anderen Seite der Grenze ein einziges Gewimmel, ein unglaubliches Leben auf der Straße, viele Frauen waren zu sehen, chaotischer Verkehr – Toni wurde mehr an China erinnert als an die Türkei (was wir eher erwartet hatten).

Da mir die wartenden Geldwechsler an der Grenze etwas suspekt waren, tausche ich erstmal nur die aserbaidschanischen Manat und bekomme einen Haufen Geld in die Hand. Wir haben ja schon erzählt, wie sehr uns vom Iran vorgeschwärt wurde, es begann schon in Berlin beim Fahrradladen: „Wie, ihr wollt die Fähre nehen – fahrt lieber über den Iran, das gastfreundlichste Land der Welt“. Solche Erwartungen sind natürlich schwer zu erfüllen, vor allem wenn man wie wir gerade aus Aserbaidschan kommt, ein Land, das unsere Erwartungen weit übertroffen hat und bei dem einfach die Chemie gestimmt hat. Deshalb war unser erstes Gefühl das der Ernüchterung. Es fehlte einfach der Wow-Effekt, dafür war es heiß und stressig.

Ein Stressfaktor ist das Geld. Ich hab mich immer darauf gefreut, mal eine wirklich andere Währung zu bekommen: nach dem Dollarwechsel brauchen wir eine zweite Tasche für unsere 10 Millionen Rial, schon irgendwie spannend. Man geht mit dickem Portemonnaie in den Laden um dann festzustellen, dass auch ein Energydrink 60-70000 kostet, 35000 Rial sind ca. ein Dollar – der Iran ist also deutlich teuer als unsere bisher bereisten Länder. Zweimal werden wir im Restaurant kalt erwischt, als unser Essen eine halbe Million kosten soll (ca 14€), natürlich ok, aber für unser Budget zu viel. Die Karte rauf und runter zu bestellen wie bisher ist also nicht mehr drin. Dazu kommt, dass Artikel selten ausgepreist sind und wenn uns der Verkäufer eine 5 zeigt meint er 50000 Rial, was auch manchmal auf Schildern mit 5000 Toman angegeben wird, klingt einfach, ist aber bei einer Hand voll sehr ähnlichen Scheine schon nervig und das System muss man auch erst mal durchschauen. Zum Essen werden wir immer erst einmal eingeladen, auch beim zweiten Nachfragen, wenn wir dann aber zum dritten Mal bezahlen wollen wird uns die große Rechnung präsentiert. Im Vorfeld fand ich dieses gesellschaftliche Ritual sehr höflich und zivilisiert, im Alltag bedeutet diese zusatzliche Interaktion jedoch viel Arbeit.

Will man bezahlen heißt es: „Doch nich dafür, ihr seid meine Gäste.“. Wir bedanken uns überschwängich: „Nein, zu großzügig, das können wir nicht annehmen.“ usw. – natürlich nur mit Gesten und den paar Worten Farsi, die wir vorbereitet hatten. Jetzt, wo wir wissen wie man sich verhält, können wir uns darauf einstellen. Wir werden trotzdem öfters reich beschenkt, frische Feigen am Straßenrand und winzig kleine Honigmelonen. Eine Tüte mit Obst bekommt Toni in die Hand gedrückt, als sie vor dem Geldwechsler wartet.

Ein großes Glück ist wieder unser Zettel: In Tbilisi hat uns ein iranischer Englischlehrer unsere Geschichte übersetzt: „Wir sind Toni und Daniel aus Deutschland, wir fahren mit dem Rad nach Asien usw.“. Auf dem Zettel steht auch, dass wir kein Fleisch essen wollen. In keinem anderen Land gab es darauf eine bessere Reaktion als in Aserbaidschan, nämlich keine. Es wurde ohne Kommentar zur Kenntnis genommen, kein Erstaunen oder abschätzige Bemerkung. Bei Vuqar (unserem Gastgeber in Sirvan) gab es Lobya Chyghyrtmasy, ein vegegetarisches Nationalgericht. Bei der Hochzeit in Seki wurde sich nur entschuldigt, dass uns Fleisch angeboten wurde und die Teller stattdessen mit Gemüse vollgeladen. Im Iran ist man nicht ganz so aufgeschlossen: Falafel ist billiges Fast Food und in traditionellen Restaurants nicht zu finden. Unser Zettel kommt super an und hilft uns wenigstens etwas Kommunikation in Gang zu bringen. In den Städten sprechen viele junge Leute auch sehr gut Englisch.

Nachdem wir bei mehreren Banken kein Geld wechseln konnten, nimmt mich ein Passant mit zum Juwelier um dort zu guten Konditionen Dollar zu wechseln. Der erste Abend war nämlich sehr stressig: wir hatten keine Rial und keine Zeltgelegenheit, zum Glück nahm das Hotel Dollar an und wir konnten endlich Duschen nach einem harten Tag auf dem Rad.

Was besser läuft als erwartet ist das Radeln in der Hitze. Toni muss lange Kleidung sowie das obligatorische Kopftuch tragen, für mich sind Shorts unangebracht. Im Fahrtwind ist das alles aktzeptabel und für Pausetage hat sich Toni in Baku noch ein zweites langes Oberteil gekauft, das sieht mit Hijab schon sehr authentisch aus. Toni ist oft konservativer gekleidet als viele Iranerinnen, die nur einen Hauch von Kopftuch über ihren Zopf legen. Auch sehen wir viele Frauen am Steuer und insgesamt nehmen die Frauen sehr selbstbewusst am sozialen Leben teil. Hatten wir in Aserbaidschan und in der Türkei noch das Gefühl, dass Frauen zurückhaltend und schüchtern waren, so sind sie hier sehr offen und neugierig uns gegenüber. Oft sprechen Toni Frauen aus parkenden Autos heraus an, wo wir denn herkommen, und oft genug ist es beim Blick über die Schulter die schicke Mutti am Steuer ihres SUV, die uns überschwänglich anhupt und zuwinkt.

Am zweiten Abend in Rasht gab es dann den ersehnten Wow-Effekt: Ein religiöses Festival war in der Stadt und alle Menschen auf den Beinen, traditionelle Musik im Hintergrund bei Festbeleuchtung und Gruppen verschleierter Frauen und tradionell gekleideter Männer gaben dem Ganzen das Gefühl von 1001 Nacht. Und wir hatten noch nicht den Bazar gesehen. Kein Touristenklimbim, sondern ein echter Markt mit Gold, Nüssen, Obst, Gewürzen, Stoffen und Alltagsgegenständen, dafür ohne nervige Verkäufer. Nur einmal heißt es: „Hello Mister, where are you ?“ (statt „how are you?“, was wir ca. 100 mal am Tag gefragt werden). Auf diese schon philosophische Frage gibt es nur eine Antwort:
„Wir sind endlich hier, im Iran und es ist super.“.

Etappen:

Astara – Asalem: 93 km

Asalem – Rasht: 106 km

Pausetag in Rasht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Translate »
%d Bloggern gefällt das: