Iran II: Hubble Bubble am Kaspischen Meer

15.08. – 16.08.2016
Unseren Pausetag in Rasht nutzen wir um uns etwas einzugewöhnen, ein Gefühl für Preise und Sprache zu bekommen und einfach um die Stimmung aufzusaugen. Es stehen auch einige organisatorische Dinge auf dem Plan, so müssen wir noch unsere Visareferenznummer bezahlen, bzw. die Visaagentur die sich um die Genehmigung unseres Visums bemüht hat. Da der Iran nach den Sanktionen vom internationalen Bankensystem abgeschnitten ist, geht dies erst im Land. Wir wechseln zuerst weitere Dollar, dieses Mal bei einer sehr seriösen Wechselstube zu einem guten Kurs. Da wir gleich 300$ tauschen, gibt es einige 500.000 Rial-Scheine. Wie in den meisten Hotels, in denen wir im Iran übernachten, ist auch in Rasht vom alten Glanz des Hotels nur ein etwas morbider Charme geblieben. Die schicke Holzvertäfelung ist abgeplatzt und das Licht flackert, trotzdem legen die Angestellten einen sehr würdevollen Habitus an den Tag.

Wir haben ja schon vom Bezahlritual berichtet, auch die Körpersprache, bspw. wenn man gezeigte Fotos zurück bekommt oder dass Wechselgeld stets mit beiden Händen und leichter Verbeugung gereicht wird, erinnert uns daran, dass wir es mit einer sehr alten Kultur zu tun haben – die iranische Kultiviertheit gefällt uns sehr (dafür gibts es noch viel mehr Beispiele). Wir haben ja in Baku mehrere Fotos entwickeln lassen, ein Foto bekommt beim Herumzeigen besondere Aufmerksamkeit – unsere Aufnahme vom Markt in Budapest:

Dieses Bild wird immer faziniert betrachtet. Jedes Mal dieses Bild. Der ungarische Bazaar hat es den Iranern einfach angetan.
Im Iran wird sehr viel Wert auf Schönheit gelegt, die Fernsehwerbung ist voll von Abnehmpillen und auch die Werbeflächen (die wir uns bei Gelegenheit übersetzen lassen) sind nicht etwa mit religiösen Texten beschiftet, wie uns die alte Schrift glauben lässt, sondern da stehen Dinge wie: „Du bist nicht fett, sondern nur zu faul zum abnehmen“. Der Iran liegt weltweit auf den vorderen Plätzen bei Nasen-OPs, „Nose Jobs“, die Gegend um Rasht ist dafür besonders populär und wir sehen viele Leute mit Pflastern im Gesicht. Für viele Iranis ist die neue Nase zum 18. Geburtstag Standard. Auf meine Nase fahren viele Leute total ab und es hagelt Komplimente (von beiden Geschlechtern), manche erinnere ich an Leonardo DiCaprio in Titanic, andere glauben, mein Nose Job wäre sehr gut geworden.
Das Fahrradfahren bleibt allerdings sehr anstrengend. Es wird jeden Tag bis Teheran weniger heiß, die Luftfeuchtigkeit am Kaspischen Meer (oft bei 90%) macht uns aber fertig, wir schlafen schlecht und merken, wie unsere Kilometerleistung sinkt. Auch sind unsere Etappen anfangs super langweilig, es ist zwar grün (viel grüner als wir es erwartet haben) aber auch eintönig (bis nach Teheran sollten wir aber landschaftlich noch voll auf unsere Kosten kommen). Was uns aber neben der Straße an Gastfreundlcihkeit und Abenteuern passiert, entbehrt sich jeglicher Beschreibung, ein Highlight jagt das nächste – wir können auch hier nur einen kleinen Eindruck vermitteln. Wir steuern nach Rasht einen öffentichen Park an, um ein Plätzchen für unser Zelt zu finden. Die Iraner campen immer und überall wo ein Zelt aufgestellt werden kann (viele bleiben aber nicht unbedingt über Nacht). Es ist daher völlig ok in Parks zu zelten und Sanitäranlagen gibt es auch. Wir kommen ins Gespräch und immer mehr Leute versammeln sich um unseren ausgewählten Zeltplatz. Zum Zeltaufbau kommen wir allerdings nicht: ein älterers Ehepaar im Rentneralter (die gibt es hier nach 30 Jahren Arbeit, in diesem Fall schon mit 53) lädt uns zum Übernachten ein. Der Bruder, ein Schönheitschirurg, hätte eine ungenutzte Zweitwohnung in der Stadt, die leer stünde (eine typische Geldanlage im inflationsgeplagten Iran) – so gereicht der iranische Schönheitswahn auch uns zum Vorteil. Wir haben ein Haus ganz für uns alleine (natürlich lässt man es sich nicht nehmen, uns zu bekochen) – eine super Sache, draußen gewittert es nachts heftig und wir sind froh, dass unsere Wände nicht aus dünnem Nylon bestehen. Der Moment, allein in einem iranischen Einfamilienhaus zu sein, nach ein harten Etappen, während nebenan leise der Muezzin zum Gebet ruft, tief berüht von der vorbehaltlosen Gastfreundschaft, ja, dieser Moment wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.


Auch der nächste Tag auf dem Rad wird zäh und wir finden kaum was zu essen. Wir haben uns auf Falafel satt gefreut, der ist hier aber nur unwesentlich leichter zu finden als in der Türkei. Bei der Käsepizza (die zu bestellen wir auf persisch nicht in der Lage sind) ist das vegetarische Angebot zu bezahlbaren Preisen dann oft schon erschöpft. In besseren Restaurants gibts Mirza Ghasemi – eine Mischung aus Aubergine, Tomate und Ei mit Reis. Nach einem nervigen Tag entscheiden wir uns ausgehungert erneut für ein Hotel. Die Tochter der einzigen anderen Gäste studiert zufällig in Deutschland und soll später am Abend vorbeikommen. Die Familie kommt aus Teheran und macht hier Urlaub. Mit der Gondel kann man von hier in die Berge fahren und im Winter sogar gut Skifahren – und das alles nicht weit weg von der Hauptstadt. Wir hatten uns schon auf einen Abend mit iranischem Staatsfernsehen und Malzbier eingestellt, als es an der Tür klopft, es ist die Tochter, die in Hamburg studiert und uns mit „Moin Moin“ (ansonsten kann sie nur perfektes Englisch) fragt, ob wir nicht den Abend mit ihr und ihrer Familie verbringen wollen – definitiv die bessere Wahl. Wir steigen ins Auto und sehen zum ersten Mal eine iranische Stadt richtig bei Nacht – auch hier fängt das Leben erst an, wenn die Temperaturen erträglicher werden. Auf den Straßen ist es ein einziges Gewusel und das pralle Leben, wir fahren zu einem Megashoppingcenter und treffen danach den Rest der Familie zur Wasserpfeife in einem traditionellen Restaurant. Die Hubble Bubble (Der bei uns geläufigere Begriff Shisha bedeutet hier Drogen zu rauchen, sollte also nicht benutzt werden) wird rumgereicht, während alle auf dem Teppich im Kreis sitzen, dazu gibt es Tee mit Safranzucker, Süssigkeiten und Geschichten aus Deutschland aus der Sicht einer jungen Teherani, fünf Meter neben uns rauscht das Kaspische Meer und es gibt persische Livemusik – noch besser kann ein Abend im Iran gar nicht enden (ok, wir hatten dann noch ein Safraneis 😉 ).

Macht was draus!

T+D

Etappen:
Rasht – Rudsar: 76 km
Rudsar – Tonekabon: 90 km

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