Kasachstan III – Winter is coming

15.09 – 20.09.2016

Ok, der Titel passt nicht wirlich zu den Kamelbildern, tatsächlich fahren wir aber durch ein spätsommerliches Kirgistan und Kasachstan. Die Nomaden bereiten sich auf den Winter vor und die Bauern fahren die Ernte ein. Auf den Feldern brennen Feuer und die Leute sind noch die halbe Nacht auf den Feldern unterwegs (das sollte noch zum Problem werden). Oft werden wir gefragt, was wir im Winter machen, eine Frage, die die Nomaden sehr beschäftigt. Kurz hinter der kirgisisch / kasachischen Grenze suchen wir ein Platz zum Zelten und zum ersten Mal seit Straubing in Bayern gefriert das Zelt – der Winter steht wirklich vor der Tür. Während man in Kirgistan anhand der Bäume den jahreszeitlichen Wechsel erleben kann, ist es in der Kasachischen Steppe nachwievor ziemlich heiß.

Wir schreiben diese Zeilen 50 km vor der chinesichen Grenze, in einem Hotelzimmer in Zharkent. Die Klimaanlage ist ausgefallen, es ist stickig aber zumindest das Wifi funktioniert. Wir hatten diese Hotelpause ziemlich nötig, sind aber trotz der Annehmlichkeiten etwas enttäuscht: Hier ist es oft unglaublich schwer sich zu verständigen, in Serbien war die Sprache bspw. sehr ähnlich, wir konnten aber mit Händen und Füßen ein ganzes Menü bestellen, hier ist es oft ein Akt. Es gibt aber auch positive Beispiele von Menschen, die dann umso mehr herausstechen weil sie sich nicht so lethargisch verhalten wie die Mehrzahl der Leute. In Zharkent treffen wir Rasu wieder, einen jungen Kasachen, der uns schon 30 km vorher auf der Straße begrüßt hat. Da wir erst im Dunkeln und völlig unterzuckert im Smog der Stadt ankommen, ist er unsere Rettung, was die Hotelsuche anbelangt. Heute haben wir ihn dann auf dem Basar wiedergetroffen. Er hat uns geholfen die letzten kirigisichen Som zu tauschen. Eine Frau mit schwarzer Aktentasche und goldenen Vorderzähnen ist die einzige „Wechselstube“ im Ort und sitzt im hintersten Winkel des Marktes, kein Schild, kein Office, nur mit Taschenrechner und Portemonnaie ausgerüstet – ohne Rasus Hilfe wäre das auch ziemlich schwierig geworden.

Der Weg an die chinesische Grenze hat uns ziemlich ausgelaugt. Gegenwind, tagsüber Hitze, nachts Kälte. Der letzte Pausetag war am Issyk Kul und wenig entspannend – das Wasser funktionierte nicht, Dusche und Toilette sind in dem Fall beim Wildzelten in der Natur angenehmer. Zumindest haben uns damals Sergej und Slava aus Russland, mit einem typisch russischen Abendbrot den Tag gerettet.

Die Grenzregion zwischen Kirgistan und Kasachstan ist auch als der kleine Pamir bekannt, uns erinnert sie eher an den Schwarzwald. Was die Region mit dem tadjikischen Hochand gemein hat, ist, dass es auf den Ruckelpisten, abgesehen von Schafen, Kühen und Pferden, einfach nichts gibt. Wir hängen grad die Schlafsäcke zum Trocknen auf, als ein kirigisischer Cowboy mit seinem Sohn auf uns zu reitet, sie wollen ein Foto von sich. Während des netten Gesprächs erwischt mich das unruhige Pferd mit dem Huf am Knöchel, der in der Folge ordentlich anschwillt und den Ritt noch etwas anstrengender werden lässt. Der Grenzübergang gehört zu den entspanntesten bisher. Wir kommen gerade an, als ein einreisender LKW sämtliche Metallabsperrungen umreißt, interessiert hier keinen – ich packe kurz mit an, das Gitter wieder zurecht zu biegen. Als wir nur widerwillig die Taschen abbauen, dürfen wir alles dranlassen und müssen nur einmal kurz erklären, was wir so dabei haben. Keine Drogen, keine Waffen, kein Problem, dafür werden ein paar Fotos rumgezeigt – entspannte Stimmung. Abends zelten wir unweit der Grenze (der erste Frost), kurz zuvor fährt der Truck mit den Grenzsoldaten an uns vorbei. Die jungen Soldaten grüßen uns überschwenglich – wir hatten die Grenze noch kurz vor Schluss überquert, was für ein Glück. Gegen Mitternacht kommt eine Gruppe von 8 Pferden in vollem Gallopp aufs Zelt zu geritten. Wir stecken die Köpfe aus dem Nylonappartment und sehen keine Reiter – alles gut, kein Stress, nur grasende Pferde, die im Vollmondschein in den sanften Hügeln unseres Zeltplatzes zu einer tollen Atmosphäre beitragen. Am nächsten Morgen gibt es kalte Bohnen aus der Dose (die man auch kalt gut essen kann, wir finden heraus, dass Cola im Gegensatz dazu auch warm genießbar ist), dazu gehört mein morgendliches Ritual, Johnny Cash auf dem MP3-Player zu hören – Wilder Westen pur 😉

Gelegentlich treffen wir auf große Hirtenhunde, die uns gerne jagen. Wir probieren eine neue Strategie, von der wir im Radforum gehört haben, einfach stehen bleiben, einen Stein aufheben (oder nur so tun) und Richtung Hunde schmeißen. Die Geste allein reicht aus um selbst den furchteinflößensten Kläffer zur Umkehr zu bewegen – genial. Zurück in der kasachischen Steppe sehen wir etwas, auf das wir schon lange warten: Kamele und Dromedare. Endlich. Eine andere willkommene Abwechslung sind die beiden Reiseradler, die wir unterwegs treffen: Nicholas aus der Schweiz, seit 14 Monaten unterwegs, aus China kommend und schon in den USA gefahren und Faith, aus UK, die solo schon 25 000 km auf der Uhr hatte und ebenfalls grad aus dem Reich der Mitte kam. Zwei super nette Menschen, die Gespräche haben uns den ganzen Radltag beflügelt.

Wenn wir morgens losfahren, wissen wir nicht, wo wir abends bleiben. Entweder ist die Gegend dicht besiedelt, dann gibt es passende Unterkünfte oder sie ist menschenleer, dann können wir problemlos wild zelten. Oft werden wir gefragt, was passiert wenn wir nichts finden – das kommt einfach nicht vor, man sollte allerdings zeitig vor Sonnenuntergang anfangen zu suchen. Eines Abends auf der Nordseite des Issyk Kul ist es dann soweit, wir können wirklich nichts finden. Überall nur Landwirtschaft, der See ist zu weit weg, alle sind bis spät in die Nacht auf den Beinen, es findet sich einfach keine passende Stelle. Um 21 Uhr im Dunkeln bauen wir unser Zelt nahe eines Feldwegs auf. Das Zelt steht gerade, als ein Auto anhält und wir mit Taschenlampe gemustert werden. Das Auto fährt weiter, wir gehen kein Risiko ein, packen zusammen und fahren weiter. Mittlerweile ist es 10, stockduster und wir haben 116 km auf der Uhr. Völlig fertig bauen wir hinter einem großen Busch unser Zelt auf. Die Fläche ist nicht ideal, nach kurzer Zeit sieht man dutzende Nackschnecken die Außenseite des Innenzelts emporklettern – lecker. Trotzdem schlafen wir tief und fest und unterm Strich ging auch diese Zeltplatzsuche glimpflich aus.

Hier noch eine kleine Galerie von Ortsschildern in Kirgistan und Kasachstan, die sowjetischen Charme versprühen und die uns oft sehr gefallen haben.

Etappen:

Cholpon Ata – östliches Ende des Sees: 116 km

Wildcamp – kurz hinter der kasachischen Grenze: 90 km

Wildcamp – Chonja: 99 km

Chonja – Zharkent: 100 km

 

4 Responses to “Kasachstan III – Winter is coming

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Translate »
%d Bloggern gefällt das: