Vietnam IV – Zu Gast bei Vaude

17.01. – 19.01.2017

Viele der Länder, durch die wir auf dieser Reise fahren, sind Produktionsstandorte für die Dinge, mit denen wir uns täglich umgeben – vor der Reise haben wir uns überlegt, wie spannend es wäre, sich in den Ländern auch die Produktion anzuschauen. In der Türkei sind wir bspw. an den Produktionsstätten von H&M vorbeigekommen, praktisch alles was in Europa in den Filialen zu finden und mit „Made in Turkey“ ausgezeichnet ist, kommt von Nähereien an der Schwarzmeerküste (so wurde uns zumindest vor Ort erzählt). Dort war leider alles top secret und wir konnten uns die Arbeitsbedingungen, die immer wieder kritisiert werden, nicht anschauen. Die Frage, wie man sichergehen kann, dass die Dinge, die man konsumiert, nicht unter ausbeuterischen und menschenverachtenden Umständen produziert werden, beschäftigt uns schon lange. Durch meine Arbeit in einem Trekkingladen habe ich gemerkt, dass viele Leute diese Frage umtreibt, gerade Menschen, die viel in der Natur oder in fremden Ländern unterwegs sind, möchten, dass ihre Kleidung und Ausrüstung möglichst umwelt- und sozialverträglich hergestellt wird. Die Komplexität dieser Problematik im Spannungsfeld der Globalisierung führt aber bei vielen zur Resignation, man findet sich im Labeldschungel von Standards, die alles mögliche versprechen. Oft steht der Vorwurf des „Greenwashing“ im Raum, für meine Abschlussarbeit wollte ich es genau wissen und habe mich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt.

Diese Frage wird schnell eine philosophische – wieviel Verantwortung hat man als Konsument? Wie viel Verantwortung haben Unternehmen – entlässt man die Regierungen der Produktionsländer zu schnell aus der Verantwortung, wenn man den Schwarzen Peter den Konsumenten oder Unternehmen zuschiebt? Gibt es unintendierte Folgen, wenn private Akteure Standards durchsetzen? Wie glaubwürdig sind die Methoden, die man dazu entwickelt hat? Wie legitim ist eine solche Regulierung? Ihr seht, alles nicht so einfach.

Was hat das mit unserer Radreise zu tun?

Verschiedene Firmen haben unterschiedlich Programme, um es Menschen zu ermöglichen, einen Blick in die Produktion zu werfen und sich zu vergewissern, auch wenn sie mit der Branche nichts zu tun haben. Den Trekkingfreunden unter euch ist vllt. die Firma Tatonka bekannt, die es im Rahmen des Open Factory-Programms Interessierten ermöglicht, sich das Werk in Ho Chi Minh City anzuschauen. Schon während der Vorbereitung dieser Tour haben wir geplant, bei unserem Abstecher nach Vietnam genau das zu tun. Eine unserer Lieblingsfirmen und die nachhaltigste Marke in Deutschland ist Vaude. Die Firma unterhält eine eigene Produktion nahe Hanoi. Als wir in China die nächsten Monate planten, haben wir uns kurzerhand entschlossen, Vaude einfach mal anzuschreiben, unsere Reise und meine Forschung kurz vorzustellen und nach einer Führung durch die Fabrik zu fragen. Es antwortet uns niemand geringeres als Albrecht von Dewitz, der Gründer, mit einer Einladung uns die Rucksackproduktion in Bim Son anzuschauen. Mitte Januar ist es dann soweit.

In Bim Son angekommen, werden wir vom Gründer und von der CEO von Vaude Vietnam herzlich empfangen. Neben uns sind ein paar Jungunternehmer zu Gast, die bei Vaude ihre Rucksäcke entwicklen, so erleben wir fast eine Hostelatmosphäre, die geprägt ist von Unternehmertum und Reisegeschichten. So gibt es auch die ein oder andere Anekdote über Tillman Waldthaler, ein Radreiseurgestein, der mit Vaude-Taschen mehrfach um die Welt gefahren ist. Die Produktion selbst hat uns mit hohen Qualitäts- und Sozialstandards schwer beeindruckt. Es ist ein großer Unterschied, ob man sich nur theoretisch mit Sozialstandards in der Produktion beschäftigt oder wirklich sieht, wie die Fertigung läuft. Wir haben uns sehr über diese Möglichkeit gefreut. Für Gearheads wie mich ist es einfach großartig, all die funktionellen Stoffe im Lager zu sehen und der Entstehung der Ausrüstung beizuwohnen, die man sonst täglich in der Hand hat. Vaude ist Mitglied in der Fair Wear Foundation, einer gewerkschaftsnahen Organisation, deren Mitglieder strenge Standards erfüllen müssen und deren Einhaltung glaubhaft überprüft werden. Dass die Mitgliedschaft in der FWF nicht umsonst als „best practice“ gilt, um unternehmerische Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette zu übernehmen, ist ein Ergebnis meiner Arbeit, das bei unserer Führung in Bim Son bestätigt wurde.

Diese Seite ist aber immer noch ein Reiseblog, deshalb kehren wir langsam zu Radreisethemen zurück, für alle Interessierten haben wir unten noch ein paar Links zusammengestellt, denn es ist ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt.

Hier ein paar Bilder aus der Fertigung:

Ein Phänomen, das uns schon länger auffällt, erleben wir auch in Bim Son: die Welt wird kleiner. Kaum ist von einem fremden Land die Rede, kennen wir einen Radler, der gerade dort unterwegs ist. Auf der einen Seite erradelt man sich einen Maßstab für die Größe der Welt, auf der anderen Seite umspannt unser neuer Freundeskreis mit digitaler Hilfe den halben Planeten. Radler, die wir in Zentralasien getroffen haben, treffen wir in Vietnam erneut, jeder kennt jeden, manchmal über Umwege. Ein gutes Gefühl als radelnder Globetrotter durch die Weltgeschichte zu pedalieren.

Aus Hanoi bekommen wir die Nachricht, dass unsere Visumverlängerung fertig ist. Wir wollen keine Zeit verlieren und nehmen den unter Radfahrern berüchtigten Highway 1.

Eigentlich kommen wir super voran, die knapp 130 km fahren sich von alleine (nur 6h trotz Stau). Wir wären schon am frühen Nachmittag angekommen, hätten wir nicht zwei Platten gehabt – auch beim neuen Mondialreifen. Gar nicht so einfach, das Loch im Schlauch zu finden bei so viel Dreck und Lärm am Straßenrand. Beim zweiten Platten bekommen wir unerwartete Hilfe von einem in kommunistischer Tracht gekleideten Parteimenschen. Natürlich bekommen wir noch ein Plakat mit Neujahrswünschen auf den Weg. Der gute Mann fährt selbst ein hübsches klassisches Rennrad und weist sich als Radfahrer aus. Solche netten Begegnungen gab es in der letzten Zeit einige – wir werden langsam warm in Vietnam.

Statt wie in den letzten Ländern üblich, wird nicht mehr mit mir Fotos gemacht, sondern auf einmal steht Toni im Mittelpunkt  des Interesses und es hagelt Selfieanfragen. Es herrscht eine gute Stimmung, alle bereiten sich auf das Neujahrsfest vor. Es gibt Schlangen in den Supermärkten (so wie am Freitag Abend in Potsdam bei Rewe), überall werden Zitrusbäume und Dekoration verkauft.

Die gute Stimmung spüren wir auch in Hanoi, es macht Spaß, nochmal in die Stadt zu kommen. Wir gehen ins gleiche Hostel – wie nach Hause zu kommen. Es sind viel weniger Touristen unterwegs als Silvester, die, die da sind, sind deutlich kommunikativer und bleiben länger. Letztes Mal haben wir gedacht, durch Hanoi zu radeln, wäre einfach, die Ein- und Ausfahrt von West nach Ost war nicht so stark befahren. Von Süden kommend erleben wir den absoluten Rollerwahnsinn nach einer langen Etappe und haben uns das abendliche IPA echt verdient (im Honoi Social Club). Unsere Pässe haben wir jetzt auch wieder und haben durch die Visumverlängerung wieder mehr Spielraum.

Zum Abschluss besuchen wir Onkel Ho und besorgen anschließend neue Schläuche und Flicken bei Lam Vélo, einem super guten Radlladen, dessen Besitzer begeisterter Tourenradler ist.

Macht was draus,

T+D

Etappen:

Bim Son – Hanoi: 129 km

Kilometerstand: 14713 km

 

Links zum Thema:

Nachhaltigkeitsbericht Vaude

Vaude bei der Fair Wear Foundation

Länderbericht Vietnam bei der Fair Wear Foundation

Zum Weiterlesen: Doktorarbeit zum Thema

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