Paris-Brest-Paris 2019 – Teil I: Bonne route et bon courage

Der kommende Beitrag ist mal wieder lange überfällig.

Die Art, wie ich – Daniel – in diesem Beitrag mit dem Rad unterwegs bin, unterscheidet sich stark von den anderen Berichten auf diesen Seiten. Mit dem leicht bepackten Rennrad über lange Strecken, darum gehts, wenn ich als Randonneur bei einem Brevet unterwegs bin. Was diese Begriffe bedeuten – dazu gleich mehr. Die Struktur der Geschichte, die euch nun erwartet, folgt dem Vortrag über Paris-Brest-Paris, den Toni und ich zusammen in unserem Lieblingsfahrradladen Velophil in Moabit gehalten haben. Wir hoffen, wir können euch mit diesem Bericht genauso fesseln wie unser Livepublikum.

„Brevet“ ist Französisch für Prüfung und um genau diese Prüfungen soll es nun gehen. Im Leben, wie beim Radfahren tauchen Prüfungen selten alleine auf. Ein Brevet ist zumeist Teil einer konsekutiven Serie, die mit einem 200er Brevet beginnt und für die im Finale 600km am Stück zurückgelegt werden müssen. Wobei, das eigentliche Finale ist für jeden Randonneur (=Radwanderer, so nennen sich die Prüflinge) natürlich Paris-Brest-Paris, die finale Prüfung, die alle vier Jahr tausende Radler in die französische Hauptstadt zieht.

Höhenprofil PBP19

Von Paris geht es knapp 600km an den Atlantik, nur um von dort postwendend zurück zu fahren. Bevor wir zu den Details dieser Unternehmung sowie Sinn und Unsinn einer solchen Strapaze kommen, erzählen wir euch erst noch mehr über den Weg nach Paris – nicht nur den buchstäblichen, sondern auch über die Qualifikations-Brevets, die mir diesen Weg ebneten.

Brevets sind unabhängig und zentralistisch zugleich organisiert: die „Rennen“ selbst werden low-key mit maximaler Eigenverantwortlichkeit durchgeführt, jeder kümmert sich um sich selbst, es wird nicht gewartet. Um nachzuweisen, dass man die Strecke auch wirklich gefahren ist und im Zeitlimit geblieben ist, muss man an festgelegten Streckenabschnitten seinen Fortschritt dokumentieren – üblicherweise durch einen Stempel. Es gibt freie Kontrollen, wo nur die Ortschaft vorbestimmt ist. Hier fragt man z.B. bei einem örtlichen Laden oder einer Tankstelle höflich nach einem Stempel. Oder es gibt feste Kontrollen – hier gibt es keine Auswahl, sondern einen vorher festgelegten Kontrolleur (oft ebenfalls eine Tankstelle 😉 )

Ihr seht: Tankstellen spielen eine wichtige Rolle im Leben eines Randonneurs 😉 Besonders schön ist es natürlich, spannende Stempel zu sammeln, wie im Bild oben in Neuzelle, als ich in einem winzigen Museum für kunstvoll bemalte Eier vorstellig wurde und einem ungläubigen älteren Ehepaar erklären musst, dass ich an diesem Morgen bereits aus Berlin geradelt war und heute auch wieder zurück will – nach einem kurzen Abstecher ins Polnische.

„Rennen“ setze ich in Bezug auf Paris-Brest bewusst in Anführungszeichen – Brevets sind für die meisten Randonneure, die ich getroffen habe, höchstens Rennen gegen sich selbst oder gegen die Zeit, nicht aber gegen andere Radler. Die Herausforderung der Langstrecke und deren Bewältigung steht im Vordergrund.

Die Frühjahrs-Brevets beginnen üblicherweise noch halb im Winter und zu früher Uhrzeit – dieses Jahr (2019) bei bemerkenswert schönem Wetter.

Die Brevets fahre ich zusammen mit Tobias. Der Tobias, der uns auch auf unserer letzten Etappe mit seinem gelben Liegerad begleitet hat. Toni und ich gingen zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass man zum Brevetfahren unbedingt ein Rennrad benötigt – Toni hatte keins und meldete sich deshalb nicht an – eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellen sollte – gerade für die kürzeren Brevets ist ein Reiserad durchaus tauglich. Pünktlich zu den längeren Brevets hält Toni ihr erstes Rennrad dann glücklich in den Händen und ist für die kommende Brevetsaison gut gerüstet.

Auf den folgenden Bildern seht ihr die Routen der 2019er Brevetserie – mit 200 km aufwärts kann man schon durchaus weit kommen. Ich erinnere mich noch gut an den Sonntag, der auf den ersten Brevet-Samstag folgte: Direkt nach der Ausfahrt habe ich mich noch gefragt, ob es wirklich eine gute Idee ist, dieses Jahr die ganze Serie zu fahren. Spätestens am nächsten Morgen überwog dann aber schon die Vorfreude auf die nächste „Prüfung“ – und genau so lief es bei jedem weiteren Brevet bis zum 600er, das mein Highlight der Saison werden sollte.

Das 600er Brevet fahren wir in Ostfalen (schon richtig, nicht etwa Westfalen oder Ostwestfalen), übers flache Land bis nach Kühlungsborn ans Meer. Auf diese Strecke freute ich mich besonders, weil sie einige mir bekannte Gegenden verband – mit Streckenabschnitten, die man sonst wahrscheinlich nie gefahren wäre. Tobias war Feuer und Flamme für dieses Brevet, weil es gleichzeitig auch das Liegeradbrevet schlechthin ist. Unsere Erlebnisse sind eine eigene Anekdote wert – am Ende kommt es, wie es kommen musste und wir schaffen es, die Serie zu vervollständigen und dürfen uns ab jetzt Superrandonneure nennen.

Für mich war die Brevetsaison 2019 damit abgeschlossen, Paris-Brest bereits ausverkauft. Das 600er war eine schöne Herausforderungen – aber auch gut, dass sie rum ist. Mein Plan sah nun vor, die nächsten vier Jahre viele spannende Brevets in ganz Europa zu fahren, viele interessante neue Leute kennenzulernen, Französisch zu lernen und mich mit einem geeigneten Fahrrad rechtzeitig für Paris-Brest-Paris 2023 zu qualifizieren. Was für ein guter Plan.

Wir kamen gerade sonntagabends aus unserer Stammkneipe, als Tobias aufgeregt anruft: „DANIEL! Meld dich für Paris-Brest an, es sind Plätze freigeworden.“ Also sind wir sofort online – ab auf die Seite von Audax Club Parisien – natürlich stürzt der Server sofort ab.

Drei Versuche später bin ich angemeldet und kann es kaum glauben. Mein Jahresurlaub liegt genau im entsprechenden Zeitraum – der Plan war entweder Tobias zu begleiten oder in Tajikistan den Pamir zu bezwingen und damit die Lücke in unserer Route zu schließen. Im Hinterkopf hatte ich aber auch immer die winzige Resthoffnung, dass PBP vielleicht doch noch klappt – und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Mit einem Monat Vorbereitungszeit galt es nun das Beste aus der Situation zu machen. Mit einem noch eilends aufgebauten neuen Vorderrad mit Dynamo und Taschen voll mit Ausrüstung und Ersatzteilen geht es für Tobias und mich im August dann tatsächlich nach Paris. Mit dem Liegerad ist das Auto das entspannteste Transportmittel und dank Tobias Mutter fahren wir mit der großen Familienkutsche relaxed nach Frankreich.

Toni reist derweil mit dem Zug an und bezieht unsere AirBnB-Ferienwohnung in Versailles (ein durch ein großes Schloss bekannter Vorort von Paris 😉 ).

Wir residieren in der menschenleeren Stadt – man ist in den Sommermonaten im Ferienhaus und meidet die stickige Großstadt. Wir bereiten mein Rad im Innenhof vor und schließen es an, bevor wir auf Entdeckungstour gehen.

Bei unser Rückkehr hängt ein kleiner Zettel am Rad: „Hi, ich bin Jacques und auch schon Paris-Brest gefahren. Wenn ihr Fragen habt, klingelt gegenüber – ich hab Rotwein.“ – Ihr kennt uns: wir klingeln.

Einen grandiosen Abend und viele Geschichten eines französisich-australischen Abenteurers, der PBP mehrfach als der Schnellste beendete, später, liegen wir im Bett und fragen uns, wie wir schon wieder so eine Anekdote erleben konnten.

Ausgeschlafen gehts mit dem Zug nach Rambouillet – dem eigentlichen Startort etwas außerhalb von Paris. Im Zug treffen wir die ersten Randonneure. Es ist der Tag vor dem Startschuss und alle wollen ihre Startunterlagen abholen. Bei stetem Nieselregen stimmen wir uns auf ein nasses PBP ein.

6000 Fahrer aus 60 Nationen erzeugen eine grandiose Stimmung. Campervans, Dixies und nicht zuletzt der Regen sorgen für Festivalatmosphäre. In Rambouillet findet PBP 2019 das erste Mal statt. Hier dient die Bergerie Nationale als Start und Ziel – ein ziemlich weitläufiges Gelände, das an den hiesigen Schlosspark angrenzt und eigentlich von Louis XVI. zur Zucht von Merinoschafen gegründet wurde.

Rambouillet ist voll mit Radlern aus aller Welt. Wir gehen direkt auf das Zelt zum Fahrradcheck zu. Licht und Bremsen passen – alles top.

Ein Ziel steht für heute noch auf dem Plan: ein Paris-Brest essen. Hä?

Wenn ihr Paris-Brest googelt, findet Ihr wahrscheinlich nicht das Radrennen, sondern das nach ihm benannte Gebäck. Vom Gehalt her auch wirklich nur für lange Touren gedacht.

So hat Toni nun auch ihr Startpäckchen.

Am Vorabend von Paris-Brest treffen sich traditionell die deutschen Randonneure – die größte Gruppe an Teilnehmern nach den Franzosen. Wir schauen wer der älteste (76 Jahre) und wer der jüngste (gerade 18 Jahre) Teilnehmer ist – die einzelnen Regionen stellen sich vor und man tauscht sich aus – eine schöne Tradition und ein paar Gesichter kenne ich mittlerweile auch.

Ab zurück nach Versailles und ausschlafen für morgen, bevor es an den Start geht.

Unser Startblock ist erst am späten Nachmittag. Wir sind pünktlich vor Ort und machen noch ein Nickerchen, bevor es wirklich los geht. Kräfte sammeln ist jetzt das A und O – es liegen immerhin 1200km vor uns, die wir in rund 3,5 Tagen bewältigen sollen. Wer weiß, wann man das nächste Mal genug Zeit zum Schlafen hat?

Im Zuge der Anmeldung musste man sich seine Startzeit aussuchen – Sonntag Nachmittag oder Montag Morgen stehen zur Auswahl. Beides hat seine Vor- und Nachteile, wie sich zeigen soll. Startet man am Sonntag mit dem großen Pulk, muss man bei jeder Kontrolle, jeder Versorgungsstation mit Wartezeiten rechnen. Der Montagsstart bedeutet aber, dass die Stationen hinter einem quasi schon schließen und man die tolle Stimmung an der Strecke eher verpasst, auch wenn man dafür besser vorankommt.

Im Startblock für Spezialräder geht es für Tobias als Ersten auf die Strecke.

Für die Zielzeit von 90h geht es wenig später auch für mich los. Der Sonnenuntergang ist nicht mehr fern und die Stimmung ist andächtig. Nichts ist zu hören als das Surren der Freiläufe und das vereinzelte Klicken eines Schalthebels. Auf in den lauen Sommerabend, nur noch 599km nach Brest.

2 Responses to “Paris-Brest-Paris 2019 – Teil I: Bonne route et bon courage

  • Schöner Bericht Daniel!

  • Liebe Toni, lieber Daniel,

    schön, wieder etwas von Euch zu lesen. M-V ist wieder offen und die Ostseesträne voller sonnenhungriger Ausflügler. Vielleicht sehen wir uns ja auch einmal wieder. Auf jeden Fall haben Maria und ich uns vorgenommen, diesen Sommer noch nach Bünde zu fahren, das aber wohl eher mit einem motorisierten Zweirad.
    Bin gespannt auf den nächsten Bericht.

    Bleibt gesund und viele Grüße.

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