ARA BB 300-1 2022 „Ringbahnoffenbahrung“

Wie jedes Jahr nehmen wir uns auch 2022 vor, Berichte zu unserer Brevetsaison zu veröffentlichen und wie immer kommen wir kaum hinterher. Der 200er liegt bereits hinter uns, aber das ist ja auch eher eine kleine Ausfahrt, spannend wird es erst später – also fangen wir einfach mal mit dem zweiten Brevet dieser Saison an. Eine kleine Einführung zum Thema Brevetfahren findet ihr hier.

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum wir uns vorgenommen haben, unsere Brevetserie zu dokumentieren: Dieses Jahr haben wir Startplätze für London-Edinburgh-London ergattert und die Serie ist ein integraler Bestandteil unserer Vorbereitung. Mit diesen Berichten wollen wir unseren Weg nach London dokumentieren.

Unser erstes diesjähriges 300km Brevet beginnt morgens auf der Ringbahn – wir müssen zum Start nach Erkner – also rein in den Zug. Es ist halb 6, viel zu früh.

Um uns herum das Partyvolk, das gerade aus dem Club kommt. Drei kleine Grufti-Mädchen kotzen in die S-Bahn und der Duft von Weinschorle, Red Bull, verschwendeter Jugend und ausgelassener Party durchweht das Abteil. Wir wollen uns nicht beschweren, ein paar Stunden und einige Kilometer später werden wir auch nicht gerade zur Luftverbesserung beitragen.

All das ist vergessen, als wir viele bekannte Gesichter am Bahnhof und auf dem Parkplatz in Erkner wiedersehen. Ingo reicht uns die Startkarten und wir können bei Saschas Wohnmobil noch ein paar Bananen für den Weg abgreifen. Wir sind spät dran und noch halb am schlafen, als es für unsere Gruppe (wir sind so ziemlich die letzten am Start pünktlich um 7) langsam los rollt.

So langsam sind wir eigentlich gar nicht dabei, die Kilometer bis zur ersten Station Beeskow (KM 61) verfliegen nur so bei guten Unterhaltungen, es ist aber auch durchaus hektisch und etwas zu schnell. Der erste Stempel wird eingesackt und die Gelegenheit genutzt, sich der Beinlinge zu entledigen. Für Toni ist es erst das zweite richtige Brevet mit Stempel und Gruppefahren.

Ein Ziel für heute ist es, etwas mit unserem Team für die Flèche zu fahren: Mit Tobias und Phelim soll es in der nächsten Woche auf die Wartburg gehen und in der Konstellation sind wir noch nie gemeinsam unterwegs gewesen. Wir treffen uns in Neuzelle zum zweiten Stempel (KM 100) zur Pommesparty. Hier haben wir schon oft Pause auf dem Weg an die Oder gemacht: Es gibt Pommes, Cola, ein Klo und die Gelegenheit, die Flaschen aufzufüllen.

Das eigentliche Highlight in Neuzelle ist aber die Brauerei (natürlich neben dem Kloster) und wir stoßen mit unseren Mitfahrern an, bevor es in kleineren Gruppen und alleine weiter gehen sollte.

Nachdem wir beim 200er praktisch ausschließlich in Gruppen gefahren sind (was ich auf Brevets sonst nie so lange mache), freue ich mich jetzt auf das Alleinefahren – endlich mal den Kopf frei kriegen: „Get lost“ ist der Plan für heute.

What if we kissed in Eisenhüttenstadt?

Von Frankfurt/Oder bis Küstrin fährt man einen Großteil der Strecke auf dem Oderdeich – wenn man hier Pech und Gegenwind hat, eine ziemlich nervige Route, auch wenn sie sicherlich sehr schön sein kann. Immerhin kaum Verkehr, viel Platz und die Aussicht, naja, ist halt die eines Flussradwegs. Vor allem Toni macht die Eintönigkeit schon nach wenigen Kilometern immer zu schaffen, also nimmt sie kurzerhand das Zepter in die Hand und zieht unsere kleine Truppe, der sich auch ein Münchner Randonneur angeschlossen hat. So geht die Passage wenigstens schneller vorbei.

Wir sind die Strecke schon oft gefahren, alleine letztes Jahr drei Mal in einem Monat als Vorbereitung auf das Northcape4000, dann aber immer ohne den Abstecher ins Polnische – war ja Corona. Jetzt freuen wir uns sehr auf Polen. Ein anderes Land während einer einzigen Ausfahrt ist immer cool, dieses Mal freuen wir uns besonders auf Reminiszenzen unseres Sommerabenteuers und wir sollten nicht enttäuscht werden.

Wir sitzen bei McDonalds beim Veggieburger und es fühlt sich an, wie bei unserer Strecke im Sommer, als wir Polen der Länge nach durchquerten – alleine dafür hat sich der Ausflug schon gelohnt.

Nach unserer zweiten Pommespause in Küstrin (KM 168) erwarten uns perfekte Radwege und traumhafte Waldpassagen durch die Polnische Natur, die wir jetzt zu viert mit Tobias und Phelim genießen. Zum Glück haben wir da ein gutes Team aufgestellt – es passt bei uns und macht Lust auf mehr.

Wir genießen das Wetter und es rollt gut. Bei KM 200 gibt es einen kleinen Hänger, aber insgesamt läuft es heute super. Wir sind selten 300 km mal eben so einfach abgerissen. Die Fitness passt, wir haben heute aber auch überhaupt keinen Stress und genießen jeden Stopp und die Gespräche.

Frisch gestärkt mit Spezialitäten aus dem lokalen Supermarkt gehts zurück zur Grenze. Über die „Rolling hills“ im Grenzgebiet empfiehlt sich Polen mit perfekten Straßen im Abendlicht als Ausflugsziel für Radler aller Art.

Den letzten Stempel gibt es in Bad Freienwalde bei einer legendären Dönerbude, die letztes Jahr auf vielen unserer Touren eine wichtige Rolle spielte. Eine letzte Stärkung, bevor es auf dem Dach der Tour den Anstieg Nahe des Col du Bad Freienwalde zu bezwingen gilt.

Wie immer geht nach dem letzten steilen Stück langsam die Sonne unter. Wir sind „high on life“ und fahren zu zweit – das hat es gebraucht und wir quatschen begeistert die halbe Nacht in heller Aufregung. Die Stimmung ist unglaublich und und wir wissen genau, warum wir uns das „antun“ – am Samstag so früh raus und mit der Ringbahn nach Erkner gurken – für Momente wie diesen: Die Abendsonne taucht die Szenerie in ein magisches Licht, während wir durch Brandenburg ballern, 100% wach und am Leben.

Der Rest wird ein Heimspiel, die Gegend kennen wir wie unsere Westentasche. Immer schön, wenn der Fahrradcomputer eine drei vorne zeigt. Ein letztes Mal lange Klamotten raussuchen und endlich noch die Banane vom Start verdrücken. Im Prinzip ist Brevetfahren ja auch nur eine Art, Snacks durch die Gegend zu fahren, um sie dann meistens doch wieder mit nach Hause zu nehmen.

Die letzte Kontrolle im Ziel in Erkner ist mal wieder eine Dönerbude. Wir stellen gerade unsere Räder ab, da wird für uns schon Bier geordert. Flo, Alex und Christoph sitzen schon bereit und begrüßen jeden Neuankömmling gebührend. Kaum finden wir unter Willkommensbeifall einen Platz am Tisch, steht die frisch gezapfte Kaltschale schon vor uns durstigen Randonneuren. Es kommt, wie es kommen musste. Viele Abenteuergeschichten müssen ausgetauscht werden – mehr Bier wird geordert. Am Ende ist es 5 Uhr in der Nacht, als wir uns erneut in der Ringbahn wiederfinden. 24h später schließen wir den Kreis.

Der Morgen danach ist immer anstrengend. Ein typischer „Post-Brevet-Tag“ sieht bei uns üblicherweise so aus, dass wir zu Fuß durch die Stadt vagabundieren und dabei jede Menge Kaffee und frittierte Köstlichkeiten in uns rein schaufeln. Ziel ist dabei immer ein Museum oder eine Galerie. Nach 20h Fahrradfahren ist die innere Leinwand bereit für etwas Inspiration.

Unsere nächste Ausfahrt soll uns eine Woche später an die Wartburg bringen. Drückt uns die Daumen, dass wir Zeit für den nächsten Bericht finden.

In diesem Sinne: Macht was draus.

Love + Lycra

T+D

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